Familie & Partnerschaft

So geht Erziehen in der Pubertät

So geht Erziehen in der Pubertät Foto: © Lisa F. Young - Fotolia.com So geht Erziehen in der Pubertät

Kann man Jugendliche in der Pubertät überhaupt noch erziehen? Wie kann man Kinder, die sich nicht an Absprachen halten, erreichen? Welche Bedeutung haben Gesten der Wertschätzung?

Mit den Pädagogen Vera Schreiber und Detlef Jansen von der Beratungsstelle für Kinder, Eltern und Jugendliche der Arbeiterwohlfahrt Göttingen sprach Ralf Ruhl.

Grenzen aushandeln, Absprachen einhalten

Kann man Pubertierende nicht mehr erziehen, wie der Bildungsexperte Jesper Juul sagt? Sollte man sie also eher sich selbst überlassen?

Schreiber: Es wäre fatal, wenn man Jugendliche sich selbst überlassen würde. Erziehung verläuft jedoch in der Pubertät anders als in der ersten Dekade. Das Aushandeln von Grenzen und Vereinbarungen über den Alltag treffen wird wichtiger. Es kann Jugendlichen zugemutet werden, dass sie respektvoll im Umgang mit Erwachsenen sind und dass sie eine Rückmeldung bekommen, wie ihr Verhalten auf andere wirkt. Auch das ist Erziehung.

Nun wurde ausgehandelt, dass das Kind in die Schule geht und seine Hausaufgaben erledigt. Es hält sich jedoch nicht daran. Welche Einflussmöglichkeiten haben die Eltern da noch?

Jansen: Es geht vor allem darum, im Gespräch zu bleiben, klar zu machen, welche Dinge im Alltag und für die Zukunft wichtig sind. Und dann müssen die Eltern gemeinsam überlegen, welche Art von Konsequenzen sie zu ziehen bereit sind.

Buchtipp:
Jesper Juul: Pubertät – wenn Erziehen nicht mehr geht.
Kösel 2010, 208 Seiten, ISBN 3466308712, 16,95 Euro

Online-Beratung zu Pubertät
www.beratung-caritasnet.de/index.php?id=pubertaet
www.awo-beratung.org/index.php?id=452

Beratungsstellen der AWO:
www.awo-beratung.org/index.php?id=476

Positive Rückmeldung für angemessenes Verhalten

Und wenn das Kind bockt und sagt „ich mache meine Hausaufgaben aber nicht!“?

Schreiber: Es ist angenehm für Kinder – und selbstverständlich auch für Pubertierende – wenn angemessenes Verhalten unterstützt wird. Kinder machen vielleicht einmal ihre Hausaufgaben nicht, viermal aber doch. Wenn sie aber merken, dass ihre Leistung gar nicht beachtet wird, dann sind sie nicht sehr motiviert. Eine positive Konsequenz kann zum Beispiel sein, auf etwas hin zu arbeiten: wenn ich es schaffe, meine Hausaufgaben regelmäßig zu erledigen, dann machen wir einen Shopping-Nachmittag. Oder ich darf zu einer Party zuhause einladen. Oder am Wochenende eine Nacht lang daddeln. Das ist oft förderlicher als der Entzug von Privilegien.

Jansen: Bei der Androhung von Sanktionen muss man im Auge behalten, dass man nicht in einen Machtkampf gerät. Dazu müssen sich die Eltern auch selbst beobachten: Bin ich schon auf einer Schiene, auf der ich das letzte Wort behalten möchte, oder bin ich wirklich gesprächsbereit.

Inzwischen sind in vielen Familien beide Eltern berufstätig, in zunehmendem Maße sogar beide in Vollzeit. Entsprechend lange sind sie von Zuhause abwesend. Wie können sie mit ihren Pubertierenden im Gespräch bleiben?

Jansen: Eltern sollten immer signalisieren: wir sind da. Selbstverständlich lässt sich ein Gespräch nicht erzwingen. Und die Kinder haben nicht immer Lust dazu. Das müssen die Eltern lernen – und das kennen sie von sich selbst ja auch –, dass der Sohn oder die Tochter jetzt gerade nicht reden wollen, wenn Mama und Papa da sind und Zeit haben. Aber das Angebot „du kannst immer kommen“ – das sollte da sein. Wenn Eltern Gesten der Wertschätzung zeigen, Angebote machen wie die Clique in den Kletterpark zu fahren oder einen Besuch auf der Kartbahn planen, das kommt bei den Jugendlichen an, auch wenn sie nicht sofort positiv darauf reagieren.

Schreiber: Berufstätige Eltern wissen: Planung ist das A und O. Außerdem schleifen sich Routinen ein. Wenn Jugendliche wissen, immer den zweiten und dritten Samstag im Monat haben die Eltern Zeit, dann stellen sie sich auch darauf ein. Da kann man auch mit wenig Zeit Gemeinsamkeiten schaffen und hat Möglichkeiten, auch enge Zeitkorridore zu nutzen, selbst in schwierigen Lagen. Eltern sollten hier Transparenz zeigen und vor allem Verbindlichkeit vorleben.

Elterliche Verantwortung bleibt, auch in der Pubertät

Verlässlichkeit ist nicht immer möglich, wenn Überstunden anstehen, die Ressource Zeit ist für berufstätige Eltern begrenzt. Wie schafft man es, dass die Jugendlichen das akzeptieren?

Schreiber: Die Pubertät fällt ja nicht vom Himmel. Eltern und Kinder stellen sich langsam darauf ein. Sie haben einen Blick auf ihre Routinen und stellen sehr schnell fest, wenn Abläufe nicht günstig für das Zusammenleben sind.

Jansen: Eltern sollten sich auch von mürrischen und abweisenden Jugendlichen nicht entmutigen lassen, Gesten der Wertschätzung zu zeigen. Die kommen an und die sollte man beibehalten. Allerdings wird nicht jedes Angebot angenommen, darauf müssen sie sich einstellen.

Schreiber: Elterliche Verantwortung bleibt, auch wenn die Kinder in die Pubertät kommen. Das ist auch Erziehung! Viele Eltern sind schwankend: auf der einen Seite geben sie nach und entwickeln eine Laissez-Faire-Haltung, auf der anderen sind sie wütend und ärgerlich, weil ihr Sohn oder ihre Tochter nicht rechtzeitig aus dem Bett kommt und sich nicht an Absprachen hält. Solche Schwankungen bieten keine Orientierung und keinen Halt. Ganz negativ sind dauernde Allgemeinbotschaften, die das Kind herabsetzen, wie „du machst mich vollkommen fertig“, „es wird immer schlimmer mit dir“, „nur wegen dir geht es mir so schlecht“. Das vergiftet die Beziehung. Und da haben Eltern ganz viel Einfluss, egal wie alt die Kinder sind.

Jansen: Manche Eltern fühlen sich ohnmächtig. Diese Ohnmacht wird gespeist aus dem Empfinden „ich kann das nicht, ich werde den Anforderungen nicht mehr gerecht“. Wenn das in Gleichgültigkeit umschlägt, „soll er doch machen, was er will“,  ist die Gefahr, dass die Beziehung ins Negative abrutscht, sehr groß. Dann ist es wichtig, dass sich Eltern professionelle Beratung holen. Übrigens sind es immer häufiger die Väter, die bei uns anrufen und den ersten Kontakt machen. Auch diese Eltern ermuntern wir immer, ihren Kindern Angebote zu machen und ihnen zu zeigen, was sie an ihnen mögen. Denn nur wer Kindern Respekt zeigt, kann auch von ihnen Respekt verlangen.

Letzte Änderung amDienstag, 22 Juli 2014 15:12
Ralf Ruhl

Ralf Ruhl arbeitet als selbstständiger Journalist und Redakteur. Er lebt mit seiner Familie in Göttingen. Seine Kinder haben die Pubertät hinter sich. Und er auch. Glaubt er...

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