Familie & Partnerschaft

Wenn Kinder ausziehen – Vorbote des „Empty Nest“

Wenn Kinder ausziehen – Vorbote des „Empty Nest“ © Sergey Skleznev - Fotolia.com Wenn Kinder ausziehen – Vorbote des „Empty Nest“

Die Kinder werden selbstständiger, brauchen nicht mehr so viel Betreuung und Unterstützung. Auch an den Abenden ist das Kinderzimmer häufig leer. Für viele Mütter und Väter es das mit Entlastung und Neuorientierung, aber auch mit Verlustängsten, Trauer und Schmerz verbunden, wenn das Kind eigene Wege geht.

Der Schmerz des Loslassens

Es ist noch gar nicht so lange her, da wollte Jonas abends noch kuscheln, bestand darauf, dass die Eltern da waren, wenn er einschlief – oder zumindest einer von ihnen. Tierfilme waren angesagt und sein Vater Richard kannte alle seine Freunde vom Fußballverein und aus der Klasse. Jetzt ist Jonas 15 Jahre alt und manchmal abends und an den Wochenenden häufig unterwegs.

„Glücklicherweise hat er ein Handy und ruft an, wenn er bei einem Freund übernachten will. Wir haben so viel Vertrauen zu ihm, dass er uns nicht belügt, was das angeht“, sagt Richard. „Morgens ist das dann schon komisch“, meint Sonja, Jonas Mutter. „Vor allem das Sonntagsfrühstück war ein festes Ritual für uns, mit frischen Brötchen und Gesprächen über das, was in der Woche gelaufen ist.“ Jetzt fühlt sie sich manchmal von Informationen abgeschnitten, weiß nicht mehr über alles Bescheid, was in der Schule läuft. „Ich weiß ja noch nicht mal, ob er eine Freundin hat“, sagt sie – und das klingt nur halb scherzhaft.

In der Pubertät werden die Kinder selbstständiger, sie grenzen sich ab, erzählen den Eltern nicht mehr alles. Ganz normal. Aber Sonja leidet darunter. Ein wenig zumindest. Schließlich ist Jonas für sie der Lebensmittelpunkt, die erste Person in ihrem Leben. Um seine Bedürfnisse und Anforderungen wurde das Familienleben gruppiert.

Pubertät – Entlastung für Mütter

Familie organisiert sich heute anders als noch vor 50 Jahren. Nicht der elterliche Hof oder Betrieb sind der Grund für die Familiengründung, sondern Liebe und Zuneigung. „Häufig ist nicht die Beziehung der Eltern, sondern das ‚Projekt Kind’ der Mittelpunkt der Familie“, sagt Vera Schreiber, Pädagogin und Leiterin der Eltern-Kind-Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt in Göttingen. „Wenn sich das Kind abnabelt, kann das für diese Eltern schon schmerzhaft sein.“

Dieser Zeitpunkt wird immer weiter hinausgeschoben. Frauen werden später Mutter, also liegt die Pubertät ihrer Kinder in einer Zeit, in der auch andere wichtige Themen anstehen: Die Wechseljahre, das Älterwerden, vielleicht Krankheiten, das Ende des Aufstiegs im Beruf, die eigenen Eltern werden vielleicht gebrechlich, brauchen Zuwendung, Hilfe, Pflege.

Weitere Informationen

Selbsthilfegruppe Empty Nest nur in Berlin
enmoms.de/enmoms-die-selbsthilfegruppe/

Gerade viele Mütter empfinden diese Phase als nicht mehr so einschneidend. Das hat vor allem mit ihrer veränderten Rolle in der Gesellschaft zu tun. Laut Statistischem Bundesamt sind über 65 Prozent der Mütter erwerbstätig, die Stundenzahl steigt mit dem Alter der Kinder. Sie empfinden nach Analysen der Soziologin Bettina Levecke die stärkere Selbstständigkeit der Kinder eher als Entlastung.

Ambivalente Gefühle wenn das Kind selbstständig wird

Auch Richard freut sich darüber, dass er mit seiner Frau abends ohne große Gedanken an den Sohn etwas unternehmen kann: „Ins Kino gehen und danach einen Wein trinken ohne die Gedanken, ob Jonas auch gut ins Bett gekommen ist und dass man rechtzeitig wieder zu Hause sein muss – das ist auch mal wieder schön.“ Er genießt die neue Qualität der Partnerschaft. „Nach 15 Jahren der erste Urlaub ohne Kind, das ist schon etwas Besonderes! Nicht immer schauen müssen, ob es allen Spaß macht, Jonas zum Paddeln oder zu einem Ausflug motivieren müssen, einfach spontan entscheiden, dass wir jetzt das Schloss besichtigen oder uns zum Cappuccino ins Café setzen – das ist schon toll!“

Sonja ist da hin- und hergerissen. „Ja, auf der einen Seite finde ich das auch schön und es hat Richard und mich auch wieder näher zusammen gebracht. Auf der anderen Seite bin ich manchmal kurz vorm Heulen, wenn ich daran denke, wie süß und niedlich Jonas als Baby war und was wir alles mit ihm durchgemacht haben. Was nicht heißt, dass ich nicht stolz bin auf meinen großen Jungen.“ Laut Levecke haben vor allem Mütter oft ambivalente Gefühle, wenn sie ihre Kinder loslassen müssen. Freude und Trauer wechseln sich ab, es fehlt das „kindliche Chaos“, das die Familie vorher geprägt hat.

Investieren lohnt sich – auch in die Paarbeziehung

Was können Eltern tun, bevor die Trauer überhand nimmt? Pubertät und Ablösung des Kindes von den Eltern sind ja ein Prozess, der mehrere Jahre andauert, da hat man schon Zeit, sich auf den letztendlichen Auszug der Kinder aus der Wohnung vorzubereiten. Vera Schreiber empfiehlt den Eltern, gemeinsam neue Rituale zu entwickeln: „Manche Eltern entdecken das gemeinsame Joggen oder laden Freunde zum Tatort am Sonntag Abend ein.“ Ein gutes Mittel sei es auch, sich das Positive an der Beziehung zum Kind noch einmal vor Augen zu führen. „Sich gemeinsam Fotos anschauen oder für das Kind ein Fotoalbum zu gestalten ist eine gute Möglichkeit, von dieser engen Eltern-Kind-Phase Abschied zu nehmen.“

Viele Eltern würden auch von einer neuen Nähe in der Partnerschaft berichten, so Schreiber. „Man sollte aber nicht den Fehler machen zu glauben, man müsse nun so verliebt sein wie am Anfang der Beziehung.“ Schließlich hat man ja einiges hinter sich und gemeinsam erlebt, jetzt tritt man in eine neue Lebensphase ein. Auch das braucht Zeit. Schreiber: „Jedes Unternehmen weiß, dass es sich nicht lange hält, wenn es nicht investiert. Das ist in Beziehungen und in der Familie genauso. Das läuft nicht von allein, auch das braucht sinnvolles, geplantes wie spontanes Investment.“ Und eben Zeit.

 

Letzte Änderung amDonnerstag, 07 August 2014 16:09
Ralf Ruhl

Ralf Ruhl arbeitet als selbstständiger Journalist und Redakteur. Er lebt mit seiner Familie in Göttingen. Seine Kinder haben die Pubertät hinter sich. Und er auch. Glaubt er...

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