Familie & Partnerschaft

Was Pubertierende an Vätern hassen

Was Pubertierende an Vätern hassen Bild: Franziska Fiolka-photocase.de Was Pubertierende an Vätern hassen

Unklares Wischi-Waschi, anbiederndes Freundschafts-Getue und hartes Einfordern von Leistung stehen bei Jungen und Mädchen zwischen 11 und 15 auf der Negativ-Hitliste ganz oben.

Freunde? Niemals!


Rumms! Die Tür ist zu. „Was ist denn, André?“ ruft Simon von außen. „Mir kannst du es doch sagen, ich bin doch dein Freund.“ „Verpiss dich“, kommt es grummelnd zurück. „Er hat einfach keinen Respekt vor mir“, klagt der Vater. 45 Jahre alt ist er, seinem Sohn sprießen mit 12 die ersten Pickel.

Härter vorgehen, Grenzen setzen, sich nicht alles bieten lassen, vom Sohn etwas einfordern – so lauten die Rezepte seiner Freunde, wenn er ihnen wieder einmal sein Leid klagt. Dabei ist Simon kein typisches Weichei. Im Außendienst einer Pharmafirma ist er recht erfolgreich. Aber eben auch oft unterwegs. „Daher kriege ich erst spät oder auch gar nicht mit, was gerade los ist bei André“, moniert er. Früher sei das anders gewesen, da hätten sie zusammen Fußball gespielt oder Pfeil und Bogen gebastelt.


„Freunde sind wichtig für Pubertierende“, erklärt der Pädagoge und Erziehungsberater Jan Uwe Rogge in seinen Vorträgen. „Aber sie suchen sie sich selbst.“ Und er weist auf die Generationenschranke hin: Pubertierende, egal ob Jungen oder Mädchen, brauchen Gleichaltrige. Und kann man sich ernsthaft vorstellen, dass ein Zwölfjähriger sich einen Mittvierziger zum Freund wählt? Das hat man, als man selbst in dieser Phase steckte, schließlich auch nicht getan.

Auf jedes Anbiedern reagieren Pubertierende mit Rückzug oder Revolte. Türenschlagen oder wütendes Herumschreien sind von ihrer Seite aus gesehen angemessene Reaktionen auf unangemessene Versuche des Verkumpelns.

Bloss kein Wischi-Waschi


Frieder wollte in der Erziehung alles anders machen als sein Vater. Der war ein Patriarch alten Stils, regierte mit lauter Stimme und immer wieder harter Hand. Bis zu seinem Tod hatte er seiner Frau niemals in der Küche geholfen. Der Spruch „so lange du die Füße unter meinen Tisch streckst...“ war die meiste gehörte Sentenz in seiner Jugendzeit.

Das wollte er nicht wiederholen und jetzt ertappt er sich dabei, wie er seiner 13-jährigen Tochter Marlene manchmal gerne diesen Spruch entgegenschleudern würde. Denn die hält sich an keine Abmachung, kommt abends nach Hause, wann sie will, besetzt stundenlang Telefon und Badezimmer und reagiert bestenfalls mit genervtem Augenverdrehen, wenn er sie bittet, doch mal den Frühstückstisch zu decken.

„Du machst ja sowieso nichts“, hat sie ihm entgegnet, als er aus Disziplinierungsgründen mit Computer- und Fernsehverbot drohte. „Und sie hatte recht“, seufzt Frieder. Er weiß, dass seine Tochter ihn mühelos um den Finger wickeln kann. Ganz süß und neckisch ist sie, wenn er sie zu ihrer Freundin fahren soll. Was er dann selbstverständlich tut.

Was sie braucht, sagt Marlene recht klar: „Ich weiß nicht, was Papa eigentlich will, der eiert nur rum.“ Er ist für sie als Person kaum wahrnehmbar. Weil er sich sehr zurücknimmt und Freiheiten gewähren will, die er nie hatte.

Zum Weiterlesen:

Jan-Uwe Rogge:
Pubertät. Loslassen und Halt geben.
rororo 2000, 9,95 Euro

Wolfgang Bergmann:
Das Drama des modernen Kindes.
Beltz 2007, 12,95 Euro

Wenn nur Leistung zählt


Mal eben ein Disziplinierungsprogramm einführen, das gelingt nicht. Das ist auch die Erfahrung von Ludger. Sein Sohn Timo war mit 13 Jahren in allen Fächern um zwei Noten abgesackt, die Versetzung war gefährdet. Also verordnete er tägliche Übungsstunden, Nachhilfe und Hausaufgaben unter Aufsicht. Die musste seine Frau führen, denn er kam ja erst nach 17 Uhr aus dem Büro. Für gute Klassenarbeiten stellte er auch schon mal fünf Euro in Aussicht, Erfolg braucht schließlich Anreize.

Funktioniert hat es nicht. Im Gegenteil, Ludger hat das Gefühl, jeden Kontakt zu seinem Sohn verloren zu haben. Kein Wunder, meint der Kinder- und Jugendlichenpsychologe Wolfgang Bergmann: „Wenn ich einem Pubertierenden im Nacken sitze und verlange, dass er aufräumt, ihn auf Pflichten hinweise und begrenze – dann schaltet er ab.“ Timo verließ oft das Zimmer, sobald sein Vater es betrat. Positive Zuwendung hat er von ihm gar nicht mehr erwartet.

Schlechtere Schulleistungen in der Pubertät sind übrigens normal. Laut Statistischem Bundesamt findet der überwiegende Teil der Klassenwiederholungen im Alter zwischen 11 und 15 Jahren statt. Bei über einem Drittel der Jugendlichen sinkt der Notendurchschnitt in dieser Zeit, Jungen sind hier stärker betroffen. Der Grund ist nicht böser Wille. Sondern: Es gibt auch noch ein Leben außerhalb der Schule! Da wollen sich Hormone austoben und den Mädels hinterherschauen, da fordert der Bewegungsdrang sein Recht, die Welt ist interessant und will ausprobiert werden!

Schau mir in die Augen, Papa!


Pubertierende brauchen ein Gegenüber. Keinen Betonklotz und keinen Schwamm, sondern einen Partner, der sie in ihrer Entwicklung begleitet. Die Voraussetzung dafür ist Beziehung. Die hat man ja schon in den über zehn Jahren vorher aufgebaut, und aus der kann man sich nicht einfach verabschieden.

Beziehung geht nicht ohne Sichtbarkeit. Väter müssen klar sagen können, was sie wollen, was sie von ihren Kindern erwarten. Sich hinter pädagogischen Erwägungen zu verstecken, bringt nichts. Was Kinder von ihren Eltern erwarten – und zwar zu recht – ist Ehrlichkeit. Wenn Gestik, Stimmlage und Inhalt nicht zusammenpassen, merken Pubertierende das sofort.

Ein zugewandtes Vater-Sohn- oder Vater-Tochter-Gespräch lebt von dieser Ehrlichkeit, vom Interesse an dem, was der Pubertierende denkt, glaubt, kann und erlebt. Belehrung und Besserwisserei sind das Gegenteil einer solchen Haltung, schleichen sich aber besonders schnell ein. Weil Papa ja mehr weiß über das alte Ägypten oder früher selbst schon mal ein Radio zusammengelötet hat und Stürmerstar beim TSV war.

Auch die Ehrlichkeit zwischen den Eltern ist den Kindern wichtig. Wenn es in deren Beziehung kriselt oder sich die Stimmung verändert, nehmen sie das sofort auf. Denn den Halt und die Geborgenheit von Zuhause brauchen sie noch. Am Modell der Eltern lernen Pubertierende – gerade auch, wie man mit Krisen umgeht und sie übersteht. Das ist ein zentraler Punkt, denn ihr Leben sehen sie momentan als permanente Krise. Insofern ist das beste, was ein Vater für seine pubertierenden Kinder tun kann: Sich um sich selbst kümmern und die Beziehung zur Partnerin pflegen!

Letzte Änderung amSonntag, 21 September 2014 11:00
Ralf Ruhl

Ralf Ruhl arbeitet als selbstständiger Journalist und Redakteur. Er lebt mit seiner Familie in Göttingen. Seine Kinder haben die Pubertät hinter sich. Und er auch. Glaubt er...

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