Kommunikation

Mein Kind lässt sich nichts mehr sagen – und nun?

Hilfe bei widerspenstigen Jugendlichen Foto: C/L - photocase.de Hilfe bei widerspenstigen Jugendlichen

Im besten Fall sind es die herumliegenden Klamotten, die das Zimmer noch immer in ein Mittelgebirge verwandeln. Im schlimmsten Fall ist der Sohn oder die Tochter wieder einmal über Nacht verschwunden. Was tun, wenn sich das Kind nichts mehr sagen lässt?

Das Phänomen stellt sich so ziemlich passgenau mit dem Beginn der Pubertät ein und nimmt in den folgenden Jahren zu. So geht es zumindest einem Großteil aller Eltern. Ein „Ja, Mama!“ oder „Klar, Papa!“ hört man immer seltener. Stattdessen: Grabesstille oder ganz andere Worte: „Ihr habt mir gar nichts mehr zu sagen!“

„Von Euch lasse ich mir nichts mehr sagen!“: Wenn Kinder erwachsen werden

Die Einträge verzweifelter Eltern in diversen Internetforen sprechen Bände: Ihre Sprösslinge weigern sich, etwas für die Schule zu tun, im Haushalt zu helfen oder wenigstens das eigene Zimmer in Schuss zu halten. So manche rauchen in der Pubertät, trotz Verbot, schon mit 14 Jahren, trinken Alkohol, flüchten tagelang zur Freundin, weil deren Eltern alles erlauben. Kommen erst morgens nach Hause, obwohl vor Mitternacht abgesprochen war. Schnell hängt man in der Verbots-Spirale: Jeder neue vorgeschobene Riegel macht die Sache nur noch schlimmer nach dem Motto: jetzt erst recht!

Zu den zentralen Herausforderungen, die Jugendliche bewältigen müssen – und meist auch bewältigen wollen –, gehört es, sich von den Eltern zu lösen. Es ist ein Prozess, der in der Regel in den Auszug aus dem Elternhaus mündet. Dieses Fazit ziehen Christine Entleitner und Dr. Waltraud Cornelißen im Magazin DJI Impulse (Ausgabe 3/2012) des Deutschen Jugendinstituts. Ein Indikator dafür, dass sich Jugendliche vom Elternhaus ablösen, ist demnach ihr Rückzug von Unternehmungen mit der Familie. So nehmen gemeinsame Aktivitäten zwischen dem 13. und dem 17. Lebensjahr systematisch ab: Von den befragten 13-Jährigen gaben rund 67 Prozent an, häufig oder zumindest ein- bis zweimal pro Woche etwas mit der Familie zu unternehmen. Von den 17-Jährigen stimmen dem nur etwa 52 Prozent zu.

Was bringen Verbote in der Pubertät?

Schön und gut, werden sich betroffene Eltern denken, doch was tun, wenn sich mein Kind ganz und gar nichts mehr sagen lässt? Noch nicht volljährigem Nachwuchs einen pauschalen Freibrief zu erteilen, verbietet sich schließlich. Die Ergebnisse der Studie beinhalten keine Lösung. Sie helfen aber den Entwicklungsprozess zu verstehen, in dem sich Jugendliche befinden. Jeder Mensch muss lernen, eigene Entscheidungen zu treffen, ist doch ein „Ja, Mama!“ oder „Klar, Papa!“im Alter von 20, 30 oder 50 Jahren eher weniger angebracht. Aufgabe der Eltern ist es, Sohn oder Tochter bei diesem Prozess zu begleiten. Da ist es konstruktiver, sich auf der (Fast-)Erwachsenenebene zu begegnen, anstatt ein Verbot nach dem anderen zu verhängen. Zumal, das liegt in der Natur der Sache, Verbote machen, gerade in der Pubertät, vieles schlichtweg noch interessanter.

Fragen statt Sagen ist jetzt angesagt

So lautet der Rat für die Eltern: Nerven bewahren und immer wieder den Dialog suchen. Irgend etwas bleibt davon auch bei konstant geschlossenen Ohren hängen. Dialog bedeutet in diesem Fall das Gespräch zu suchen nach dem Motto „Fragen statt Sagen“. Es gilt dabei die Jugendlichen aus der Reserve zu locken und sie in eine Entscheidung mit einzubeziehen: „Was würdest Du denn als späteste Rückkehrzeit von der Party vorschlagen?“, „Wie kommst Du dann sicher nach Hause?“ – Das hört sich besser an als platte Vorschriften, die sowieso nicht eingehalten werden und bringt einander ins Gespräch.

Gehen die Vorstellungen von Eltern und Jugendlichen auseinander, sollte man versuchen einen Kompromiss zu finden und die eigenen Vorstellungen begründen: „Ich mache mir Sorgen, wie Du mitten in der Nacht aus dem Vorort sicher nach Hause kommst. Gibt es vielleicht eine Freundin, mit der Du verbindlich zusammen den Weg mit dem Rad fahren könntest?“ oder:  „Also um 1 Uhr kann ich Euch noch abholen und ich möchte, dass Du sicher nach Hause kommst. 2 Uhr schaffe ich einfach nicht, ich brauche meinen Schlaf.“ Oft gibt es auch andere Eltern, mit denen eine Fahrgemeinschaft möglich ist und bezüglich der Uhrzeit lassen sich Kompromisse schließen.

Übrigens ist dies auch ein Rezept, um sich auch bei anderen Problemen in gemeinsamen Lösungen näher zu kommen – etwa indem der Jugendliche gefragt wird, was für ihn in den Ferien am Wichtigsten sei, oder wann es am Wochenende möglich wäre, zusammen im Haushalt etwas zu schaffen. Auf diese Weise signalisieren Eltern, dass ihnen auch die Bedürfnisse der oder des Heranwachsenden wichtig sind und nicht einfach über den Kopf hinweg entschieden wird. Viele Jugendliche sind dann auch eher bereit, sich auf Kompromisse einzulassen.

Letzte Änderung amDienstag, 14 Oktober 2014 14:04
Christine Lendt

Christine Lendt arbeitet als Journalistin und Buchautorin in Hamburg. Wenn sie ihre Reiseführer und Erlebnisbücher verfasst, hat sie das im Blick, was Familien besonders viel Spaß macht. Auch zahlreiche Fachartikel entstammen ihrer Tastatur, unter anderem zum Themenfeld Schule, Ausbildung und Studium. Bild: Simone Friese

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