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„In Rufnähe bleiben“ – Wie Väter durch die Pubertät kommen

„In Rufnähe bleiben“ – Wie Väter durch die Pubertät kommen Foto: © K.- P. Adler - Fotolia.com „In Rufnähe bleiben“ – Wie Väter durch die Pubertät kommen

Die Pubertät gilt als die Zeit, in der die Eltern schwierig werden. Gerade die Launenhaftigkeit des Nachwuchses macht den Erziehungsberechtigten zu schaffen, ebenso die Sorge um Ausbildung und Zukunft. Aber kann man Zwölfjährige überhaupt noch erziehen? Der Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann aus Hannover gibt Auskunft.

Vom Sonnenschein zum Motzkopf


Woran erkennen Eltern, dass ihr Kind in der Pubertät ist?

Das kann man gar nicht übersehen. Die Kinder ändern sich von einem auf den anderen Tag schlagartig: Gestern noch ein kleiner, schmusebedürftiger Sonnenschein, heute ein kaum ansprechbarer, launischer und mürrischer Knabe. Pubertierende stellen paradoxe und kaum zu erfüllende Anforderungen an die Eltern. Sehr häufig und bedeutsam ist die Doppelbotschaft „lass mich in Ruhe, aber kümmere dich um mich.“ Ein typisches Beispiel: Das Mädchen knallt die Tür, rennt in ihr Zimmer, schreit „ich will allein sein“, heult vielleicht und erwartet – nicht nur insgeheim – dass Vater oder Mutter zu ihr kommen und sie trösten.


Gibt es dabei klare Unterschiede im Verhalten von Jungen und Mädchen?

Der pubertäre Konflikt entlädt sich bei Jungen eher nach außen. Sie sind laut, hektisch, aggressiv, sie brüllen die Lehrerinnen und Eltern an – wobei nach meiner Erfahrung der Vater nicht so viel davon abbekommt. Oder aber sie wenden sich eher depressiv nach innen, schauen Filme oder spielen am Computer oder an der Konsole. Mädchen sind viel stärker auf ihren Körper, auf ihre körperliche Reifung fixiert. Sie stehen stundenlang vor dem Spiegel und sind aus dem Badezimmer nicht mehr herauszubekommen, ihre Gespräche mit Freundinnen drehen sich um Mode, Kosmetik um das Aussehen, dabei vor allem um die Entwicklung der Brust. Sie vergleichen sich dabei ständig untereinander und stellen ihr Körperselbst, ihr Bild von sich und ihrem Körper, immer wieder infrage. Bei Jungen läuft das quasi nebenbei. Da ist mal ein Pickel, da wächst ein wenig Bartflaum, aber die Eltern müssen sie auf die Körperpflege aufmerksam machen. Das ändert sich erst, wenn in der Gruppe stärkeres Interesse an oder von Mädchen kommt. Dann wird das Haar gegelt und der Deoroller hervorgeholt.

Innere Zerrissenheit


Worin besteht denn der schon angesprochene pubertäre Konflikt?

Die Pubertierenden wollen gleichzeitig Regression und Autonomie, und das macht auch das häufige Gefühl innerer Zerrissenheit aus. Auf der einen Seite zurück in Mamas Bauch, versorgt und umhegt werden – und das ist mehr, als mit dem Spruch vom „Hotel Mama“ gemeint ist. Es geht nicht nur um Bequemlichkeit, sondern um ein echtes Abgeben von Verantwortung für das eigene Leben, eben zurück in die goldene Zeit des Kuschelns und Getragen-Werdens. Und gleichzeitig wollen sie sich von den Eltern lösen, wollen selbst entscheiden und selbst machen, streben nach Autonomie. Dann schwelgen sie in Extremen, neigen mal stark zur einen, in der nächsten Minute zur anderen Seite. Insgesamt werden Selbstreflexion und Selbstbeobachtung stärker. Sie bekommen mehr Gespür für soziale Situationen, haben etwas mehr Geduld bei der Bedürfnisbefriedigung. Dabei fallen sie in die Extreme der Hemmungslosigkeit und der überkritischen Selbstkorrektur. Das ist für Eltern schwer auszuhalten, aber es ist ein notwendiges Durchgangsstadium auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

Wolgang Bergmann

Wolfgang Bergmann arbeitete lange Jahre als diplomierter Erziehungswissenschaftler und leitete das Institut für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover. Er gründete die Stiftung Für Kinder (www.FuerKinder.org). Wolfgang Bergmann starb am 19.5.2011 in Hannover.


Buchtipps
Disziplin ohne Angst. Wie wir den Respekt unserer Kinder gewinnen und ihr Vertrauen nicht verlieren. Beltz 2007, € 17,90

Das Drama des modernen Kindes, Beltz 2007, € 12,90

Weitere Informationen:
Im Internet finden Sie weitere Informationen unter: www.kinderpsychologie-bergmann.de


Gerade Jungen sind stärker in Konflikte mit Drogen, Kriminalität und Gewalt involviert...

Die Gefahr, dass sie tatsächlich in Straftaten verwickelt werden, ist relativ gering. Die Untersuchungen von Prof. Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen zeigen, dass die Kriminalitätsrate unter Jugendlichen zurückgeht. Gleichzeitig wird die Jugendkultur aber härter, in manchen Subkulturen herrscht ein regelrecht brutalisiertes Klima. Damit müssen die Jungen – vor allem die sind von Gewalt betroffen – umgehen lernen. Sie müssen lernen, wie sie sich durchsetzen können, ohne ihre Integrität zu verlieren, ohne ihr Mitgefühl zu verlieren. Und das ist nicht zu verniedlichen. Auch wir haben als Jugendliche gesoffen – aber Komasaufen gab es nicht. Auch wir haben uns geprügelt – aber dem, der am Boden liegt, die Zähne austreten, das gab es nicht. Bei einer steigenden Zahl von Jugendlichen, Jungen wie Mädchen, kann man ein autistisches Sich-um-sich-selbst-Drehen feststellen. Sie nehmen andere nicht wahr, achten sie und ihre Bedürfnisse nicht.

Wie kann man da als Vater vorbeugen?

Das Wichtigste ist, den Respekt des Zwölfjährigen zu behalten. Und das geht nur mit Gelassenheit. Wenn ich ihm im Nacken sitze und verlange, dass er aufräumt, ihn auf Pflichten hinweise und begrenze – dann schaltet er ab. An vielen Stellen ist es wichtig, sich herauszuhalten, auch wenn das den Eltern eminent schwer fällt. Wer den Pubertierenden Verantwortung für ihr Leben gibt, ohne die Bindung zu verlieren, der kann sich des Respekts sicher sein. Der Vater sollte also warten, bis die Kinder von sich aus anklopfen, in Rufnähe bleiben, beschützend und liebevoll.

Und wenn er eine Fünf nach der anderen schreibt?

Dann fällt es besonders schwer, sich nicht aufzudrängen und nicht mit dem Vokabelheft zu wedeln. Aber: Es ist seine Sache. Wenn er sitzenbleibt – es ist seine Sache. Aber darüber muss man in Kontakt bleiben. Das heißt, man muss ihm durchaus klar machen, dass es seine Entscheidung ist, was er mit seinem Leben anfängt und welche Chancen er sich mit „och nö, kein Bock heute“ versaut. Wer zeigt, dass er sich kümmert, ohne sich aufzudrängen – der wird auch als hilfreiche Instanz wahrgenommen. Viele Eltern – meist sind es die Mütter –, die ständig ins Zimmer kommen und an die Hausaufgaben erinnern, die spüren, dass ihnen das Kind entgleitet. Aber das ist der normale Gang des Erwachsenwerdens. Das ist für Eltern schmerzhaft, manche versinken auch in Melancholie. Damit dürfen sie aber die Kinder nicht belasten, da müssen sie als Paar einen Weg finden, ihre Gefühle auszudrücken und mit ihnen umzugehen.

Wenn aber doch die Polizei vor der Tür steht, weil er beim Kiffen erwischt wurde oder beim Klauen von CDs?

Wie schon gesagt, das ist nur sehr selten der Fall. Auch wenn starke autistische Züge zutage treten, er nur noch vor dem PC hockt und sich um sich selbst dreht – das fällt nicht in der Pubertät vom Himmel. Solche psychischen Störungen sind in der frühen Kindheit angelegt. Da müssen die Eltern, nötigenfalls mit professioneller Hilfe, abklären, ob es sich um einen aktuellen Erziehungskonflikt handelt oder um eine tiefere Persönlichkeitsstörung.


Sex und so


Müssen Eltern Pubertierende noch aufklären?

Nein, die Zeit ist vorbei. Und es ist doch auch wirklich peinlich, wenn der Vater dem Zwölf- oder 13-Jährigen das richtige Aufziehen des Kondoms demonstrieren will oder die Mutter der Elfjährigen etwas über die erste Regel erzählen will. Das erzeugt eher Abwehr. Es ist auch nicht nötig: Die Deutschen sind nach einer neuen Untersuchung die am besten aufgeklärten Kinder in ganz Europa. Allerdings ist dieses Wissen eher an der Oberfläche, ein Wissen über Abläufe. Was fehlt ist die emotionale Grundierung. Und da haben die Väter in der Tat noch eine Aufgabe. Allerdings gilt auch hier: Freundlich und gelassen bleiben, auf die Intuition vertrauen und nicht pädagogisieren. Wenn der Vater von seiner eigenen Erfahrung erzählt, wie ihn damals die Pickel belastet haben und er anfangs nicht mit dem Rasieren klar kam – das schafft Verbindung. Hier gibt es sicher ein besseres Verständnis vom Vater zum Sohn und von der Mutter zur Tochter.

Sollten Väter ihren Töchtern gegenüber besonders vorsichtig sein?

Warum das denn? Wegen der möglichen Missbrauchsvorwürfe? Das ist doch Quatsch. Das würde doch nur einen Mantel eines undefinierbaren Geheimnisses über das Thema Sexualität legen. Zwölfjährige Mädchen wollen an einem Tag ganz kindlich kuschelig zu Papa auf den Schoß, am nächsten wollen sie viel Distanz. Väter müssen da feinfühlig sein und natürlich die Integrität der Tochter wahren, aber sie sollen sich nicht verbiegen oder verbiegen lassen. Gerade das Rivalisieren der Mädchen im Bereich Körper und Schönheit kann der Vater durch seine Präsenz und seine Reaktion relativieren. Der kulturelle Druck, der in diesem Bereich auf die Kinder ausgeübt wird, ist riesig. Und da ist es wichtig, dass der Vater Antwort gibt, dass er seine Bewunderung zeigt, seine Zuneigung und seine Liebe.

Letzte Änderung amSonntag, 21 September 2014 11:30
Ralf Ruhl

Ralf Ruhl arbeitet als selbstständiger Journalist und Redakteur. Er lebt mit seiner Familie in Göttingen. Seine Kinder haben die Pubertät hinter sich. Und er auch. Glaubt er...

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