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Mit der Pubertät umgehen, Grenzen setzen: Survival-Training für Eltern

Mit der Pubertät umgehen, Grenzen setzen: Survival-Training für Eltern Foto: © Fly_dragonfly - Fotolia.com Mit der Pubertät umgehen, Grenzen setzen: Survival-Training für Eltern

„Ich hasse dich!“ – Während der Pubertät treiben es einige Jugendliche auf die Spitze. Wie können Eltern mit solchen Situationen umgehen, die emotionalen Extreme aushalten, ohne selbst „auf der Strecke“ zu bleiben? 8 Überlebenstipps für Eltern mit pubertierenden Kindern.

Weil bekannt ist, was Pubertät bedeuten kann, gleicht sie beinahe schon einem Schreckgespenst. „Ach Ihr Armen, ist es bei Euch auch soweit“, „Na dann macht Euch mal auf etwas gefasst!“ – Mitfühlende Kommentare „betroffener“ Eltern lassen das Schlimmste befürchten, Medienberichte tragen dazu bei. Doch negative Erwartungen können entsprechende Situationen wiederum auch hervorrufen. Fest steht: Ab einem gewissen Alter wird sich der Sohn oder die Tochter verändern, und diese Veränderungen können extrem sein. Nur bedeutet das nicht, dass diese Phase in einem jahrelangen Kleinkrieg ausarten muss.

Positiv an die Pubertät herangehen

„Natürlich ist die Pubertät eine oft enorme Herausforderung für alle Beteiligten“, sagt Petra Winkler von pro familia Berlin, „Doch junge Menschen reagieren unterschiedlich und es gibt auf jeden Fall einen guten Weg durch die Pubertät. Man muss sich nur darauf vorbereiten. Deswegen ermutige ich Eltern, sich auf positive Weise auf diesen spannenden Lebensabschnitt einzustellen: Wir schaffen das!“ Die Sexualpädagogin mit regelmäßiger Jugendsprechstunde berät auch Mütter, Väter und andere Angehörige. „Wir verzeichnen die zunehmende Tendenz, dass Eltern in die Beratung kommen, wenn ihnen alles über den Kopf wächst.“ Gegenseitiges Verständnis sei ein Schlüssel. „Wir arbeiten mit den Jugendlichen daran, dass sie auch ihre Eltern verstehen. Und mit den Eltern wiederum daran, dass sie auch den Zustand ihrer Söhne und Töchter erkennen, der mit der Pubertät einhergeht.“

Die 8 Überlebenstipps für Eltern mit Kindern in der Pubertät

1Sei vorbereitet auf die Pubertät. Es is ein spannender Entwicklungsschritt, den Du begleiten darfst, dein Schmetterling häutet und entpuppt sich.

2Gleiches nicht mit Gleichem vergelten, dass heißt nicht auch schreien, nicht beschimpfen sondern sachlich bleiben.

3Immer wieder betonen, dass in der eigenen Familie so nicht miteinander geredet oder miteinander umgegangen wird.

4Dem Kind signalisieren, dass Du immer da bist, auch wenn es sich gerade blöd benimmt.

5Wenn kein Gespräch möglich ist, die Situation beenden. Rausgehen, abbrechen und auf später verschieben. Sag Deinem Kind, dass ihr weiter redet, wenn ihr Euch beide wieder beruhigt habt.

6Tu dir etwas Gutes! Wenn es Dir gut geht, Du Abstand hast, wird es Dir auch wieder leichter fallen ruhig auf dein Kind zuzugehen.Nimm dir eine Auszeit.

7Entscheide nicht sofort! Oft fällt es leichter sich auf einen Kompromiss zu verständigen, wenn man in Ruhe und ohne „Pistole auf der Brust“ über etwas nachdenken kann.

8Denke immer dran: Es geht nicht darum „Recht zu bekommen“ oder zu „gewinnen“. Du begleitest Dein Kind auf dem Weg in die Selbständigkeit. Die Regeln müssen ständig überarbeitet und überprüft, die Freiräume sollten nach Möglichkeit erweitert werden. Wer sich verantwortlich verhält, der kann auch mehr Freiräume eingeräumt bekommen. Wenn es dieses Wochenende gut klappt, kann es nächstes Wochenende vielleicht eine Stunde länger auf der Party bleiben.

In der Elternrolle bleiben

Klingt einfach, doch was tun im Alltag, wenn die eigene Tochter einem Sätze wie „Ich hasse dich“ an den Kopf wirft oder der Sohn aus jeder Situation einen Machtkampf kreiert? Nicht selten fühlt man sich auch als Elternteil verletzt, überfordert, zu schwach um die Pubertät zu überstehen und den Jugendlichen Grenzen zu setzen. Da liegen die eigenen Nerven schnell blank und Emotionen lassen sich oft schwer bändigen. Man schreit zurück, bekommt Türen knallen als Antwort – Ein Ping-Pong Effekt. Und genau den gilt es, rät Petra Winkler, zu verhindern. „In solchen Momenten ist es ganz wichtig, sich nicht auf die Stufe des provozierenden Jugendlichen zu begeben und in seiner Sprache zu antworten, sondern in der Elternrolle zu bleiben.“ Konkret bedeute dies, auf Wutanfälle und wüste Beschimpfungen nicht mit Worten wie ‚Und du bist das schlimmste Kind überhaupt!‘ zu reagieren. Im Gegenteil. „Der Erwachsene muss diese Form des Umgangs, die nicht in Ordnung ist, beenden. Daraus ergibt sich auch ein Lerneffekt für die Heranwachsenden.“

Pubertät überstehen: Sich Auszeiten nehmen

Die Lösung bestehe vielmehr darin, die extreme Situation zu verlassen, um eine weitere Eskalation zu vermeiden. „Damit meine ich nicht, das Kind alleine zu lassen“, betont die Sexualberaterin, „sondern etwa zu sagen: ‚In dem Ton, in dieser Form möchte ich nicht mit Dir sprechen. Ich gehe jetzt in die Küche und komme wieder, wenn wir uns beide beruhigt haben.“ Die klare Botschaft müsse dabei lauten: Auch wenn es mal Ärger gibt, ich werde immer für dich da sein. „Zur Elternrolle gehört es auf seine Kinder zuzugehen, auch in schwierigen Momenten.“

Den Jugendlichen Grenzen setzen

Bei aller Geduld und allem Verständnis: Andere Menschen Parolen wie „Du bist total bescheuert“, „Wie kann man nur so blöd sein“ entgegen zuschmettern, geht natürlich nicht. Gilt dies auch für die Pubertät, fragen sich manche Eltern, oder soll man da Fünfe gerade sein lassen, weil Jugendliche im Hormonsturm nun einmal so reagieren können? Dazu Winkler: „Sicher kann man auch mal auf Durchzug schalten nach dem Motto: Das habe ich gerade nicht gehört. Doch es gibt auch für Jugendliche Grenzen und die Kinder suchen noch Orientierung.“ Also sollten Eltern unmissverständlich klar stellen: Solche Worte sind ein no go. In unserer Familie sprechen wir anders miteinander. „Zurechtweisungen wird der provozierende Jugendliche zwar in der Regel nicht abnicken mit Worten wie ‚Okay, ich halte mich daran‘“, ergänzt Winkler, „denn er befindet sich in der Abwehrhaltung. Aber die Botschaft kommt an, besonders wenn man sie regelmäßig wiederholt.“

Mit der Pubertät umgehen: Für sich selbst sorgen

Eltern sind verschieden. Der eine verträgt mehr, ist vielleicht ein ruhigerer Zeitgenosse, die andere reagiert vom Naturell her schnell aufbrausend – oder anders herum. Was also macht man, wenn einem der Verstand zwar noch sagt: Bleibe ruhig, nicht die Elternrolle verlassen, aber die eigenen Emotionen laufen bereits Galopp? „Sicher hat jeder Mensch einen individuellen Weg“, sagt Petra Winkler. „Entscheidend ist, zu erkennen, wann eine Grenze erreicht ist und in dem Moment gut für sich zu sorgen. Und dies kann nicht bedeuten, in der extremen Situation zu bleiben, während sich die Spule der Emotionen immer weiter dreht.“

Mit der Pubertät umgehen – Rat und Unterstützung

Die pro familia Landesverbände bieten sowohl Jugendlichen als auch Eltern Unterstützung – se es durch eine Einzelberatung (unterliegt der Schweigepflicht) oder Seminare wie „Pubertät. Was geht?!“. Auch eine Begleitung bei Elternabenden in Schulen ist möglich.
www.profamilia.de

Also lautet der Rat um die Pubertät zu überstehen: Sich etwas Gutes tun, mit dem Partner sprechen, eine Freundin anrufen, vor die Tür gehen und einmal Durchatmen, einen Spaziergang machen, sich ein Eis kaufen ... Je nachdem, was einen selbst wieder positiv stimmt und im Rahmen der Möglichkeiten liegt. „Auf jeden Fall raus aus der Situation und sich erst einmal um sich selbst kümmern, denn wer angreifbar ist, ist in dem Moment auch nicht gut versorgt.“ Vielleicht muss man selbst erst mal den Tränen freien Lauf lassen oder gegen eine Wand schlagen. „Aber nie im Kontakt mit dem Kind, denn das führt in der Regel nur zur nächsten Eskalationsstufe.“

Mit den Augen des Jugendlichen

Manchmal genügt auch das berühmte Durchatmen und im Geiste bis drei zählen. „Oft aber ist mehr Zeit erforderlich“, gibt die pro familia-Expertin zu bedenken, „denn der junge Mensch auf der anderen Seite ist auch nicht in drei Sekunden runter von seinen Emotionen. Eltern neigen dazu sofort Lösungen erreichen zu wollen, doch gerade in der Pubertät gibt es zwar  manchmal, aber sicher nicht immer, eine schnelle Lösung.“ Also: Lieber die Sache eine Weile auf sich beruhen lassen, Abstand gewinnen, die Dinge von Ferne und aus der Sicht seines Kindes betrachten. Für sich sorgen. Und dann mit neuer Kraft und Gelassenheit, mit Ruhe und in Frieden zusammen einen Kompromiss finden. Denn es geht nicht ums Gewinnen, es geht ums gemeinsame Wachsen.

Letzte Änderung amDienstag, 16 September 2014 17:09
Christine Lendt

Christine Lendt arbeitet als Journalistin und Buchautorin in Hamburg. Wenn sie ihre Reiseführer und Erlebnisbücher verfasst, hat sie das im Blick, was Familien besonders viel Spaß macht. Auch zahlreiche Fachartikel entstammen ihrer Tastatur, unter anderem zum Themenfeld Schule, Ausbildung und Studium. Bild: Simone Friese

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