Wo bleibe ich?

Mein Kind reizt mich bis zur Weißglut!

Mein Kind reizt mich bis zur Weißglut! Foto: © Michael Schindler - Fotolia.com Mein Kind reizt mich bis zur Weißglut!

Provozieren – das können Jugendliche in der Pubertät besonders gut. Wie Eltern mit Provokationen umgehen können und was sie tun sollten, wenn ihr Kind sie fast zum Ausrasten bringt, darüber sprach Ralf Ruhl mit der Psychologin Birgit Klingelhöfer.

Schlechtes Benehmen und Provokationen

Warum benehmen sich Jugendliche in der Pubertät ihren Eltern gegenüber so schlecht?

Die Jugendlichen stehen unter einem hohen Druck. In der Schule müssen sie Leistung bringen, sonst gibt es schlechte Noten. In der Clique müssen sie ein bestimmtes Outfit haben, eine bestimmte Sprache sprechen, sich für das interessieren, was die Altersgenossen auch gut finden. Da ist es doch verständlich, wenn sie sich zuhause nicht auch noch angepasst verhalten müssen, sondern sich hier authentisch verhalten dürfen. Die Jugendlichen sollten doch ihr zuhause als einen geschützten Raum wahrnehmen, in dem sie bedingungslos geliebt werden. Ich bekomme oft die Rückmeldung, dass Kinder, die sich zuhause unangemessen benehmen, auf Klassenfahrten oder in der Familie von Freunden sich sehr sozial verhalten, aufmerksam sind, den Tisch decken, auf andere eingehen, gute Umgangsformen haben und hohe soziale Kompetenz zeigen. Viele Eltern sind dann sehr überrascht und letztendlich auch beruhigt darüber, dass sie anscheinend doch nicht allzu viel „falsch“ gemacht haben. Ich bin der Meinung, dass es doch besser ist, wenn mein Kind sich zuhause „daneben“ benimmt, als in dem außerhäuslichen Umfeld.

Aber wenn die Kinder ihre Eltern beleidigen?

„Du bist blöd, alle anderen dürfen das auch, nur ich nicht, du bist die blödeste Mutter der Welt“ – das kann einem schon an die Nieren gehen. Viele Eltern fühlen sich davon persönlich angegriffen und reagieren mit Druck: „So redest du nicht mit mir, ich bin schließlich deine Mutter.“ Natürlich ist es nicht schön, wenn man so angemotzt wird. Aber letztendlich ist es zwar unangemessene Gefühlsäußerung, jedoch zeigt dieses auch deren Hilflosigkeit adäquat mit ihren Gefühlen umzugehen. Wir sprechen hier von der Pubertät, einer Zeit der Selbstfindung. Eine Jugendliche erklärte mir ihr Verhalten einmal so: „Ich weiß auch nicht, was in dem Moment mit mir passiert. Ich bin dann halt so komisch.“ Das zeigt ganz deutlich, dass das unangemessene Verhalten definitiv nicht als persönliche Kränkung gemeint war.

„Gehen Sie lieber, bevor Sie ausrasten!“

Ist das aber nicht sehr respektlos?

Da muss man sich fragen, worum geht es? Geht es darum, Kontakt zu meinem Kind zu bekommen, mit ihm ins Gespräch zu kommen? Oder geht es darum, mich selbst zu behaupten. Wenn man sich nicht von den Provokationen angesprochen fühlt, merken die Jugendlichen das sehr schnell. Da ist also ignorieren besser als schimpfen. Die meisten Jugendlichen kommen, wenn man sie eine Zeit lang in Ruhe lässt, ganz von alleine wieder auf die Erwachsenen zu. Lassen sich die Eltern auf das „Spiel“ der Jugendlichen ein, gehen diese mit einem schlechten Gefühl raus, nicht das Kind.

Birgit Klingelhöfer ist Psychologin an der Universitätsmedizin Göttingen

Beratungsstellen für Familien vor Ort:
www.bke.de/virtual/ratsuchende/beratungsstellen.html?SID=0BB-89B-2B7-BB9

Was können Eltern tun, wenn ihr Kind sie so reizt, dass sie ausrasten?

Wenn man merkt, dass die Wut in einem hochkocht, sollte man den Raum verlassen, eine „Auszeit“ nehmen. Das Kind stehen lassen. Sagen „das reicht jetzt, ich kann nicht reden“ und gehen. Schimpfen oder Verbote erteilen zeigen doch nur die eigene Hilflosigkeit. Meine Erfahrung ist, dass Eltern viel ernster genommen werden, wenn sie den Erwartungen des Kindes nicht entsprechen. Und es erwartet erst einmal, dass sie ausrasten, wenn es sie provoziert. Druck erzeugt Gegendruck, das belastet die Beziehung immer stärker.

So kommen Sie wieder ins Gespräch

Wie kommen Eltern danach wieder an das Kind ran?

Oft kommen die Jugendlichen von selbst. Eltern sollten von sich aus erst wieder aktiv werden, wenn die Stimmung wieder besser ist, sich das Donnergrollen verzogen hat. Das muss ja nicht unbedingt am gleichen Tag sein. Wenn man beim Frühstück merkt, man kann wieder miteinander reden, dann sollte man das auch tun. Dabei sollte man die eigenen Gefühle vermitteln, dem Kind zeigen, was es da mit einem gemacht hat, dass man traurig war, verletzt, wütend oder ärgerlich. Wichtig ist, dass das Vertrauen nicht verloren geht.

Auch die Eltern müssen mit ihren Gefühlen umgehen.

Ja, und das ist nicht leicht. Viele können sich beim Sport abreagieren, andere telefonieren erst mal mit der besten Freundin. Aber sie sind die Erwachsenen, sie haben gelernt, damit umzugehen. Die Kinder sind in der Pubertät, die stecken in einer heftigen Lernphase. Wenn man sich das klar macht, kann man die Kinder bei sich selbst für ihr Verhalten entschuldigen.

Und wenn mein Partner, meine Partnerin da einen ganz anderen Umgangsstil hat?

Eltern streiten sich am häufigsten über Erziehungsfragen und den Umgang mit den Kindern. Da kann es sein, dass der eine „der Böse“ und der andere „der Nette“ ist. Es gab ja immer Zeiten, in denen der eine Elternteil dem Kind näher war als der andere. Das hat nichts damit zu tun, wen es lieber hat. Aber wenn der eine gerade einen schwierigen Zugang hat, sollte es der andere versuchen.

Letzte Änderung amDienstag, 16 September 2014 17:09
Ralf Ruhl

Ralf Ruhl arbeitet als selbstständiger Journalist und Redakteur. Er lebt mit seiner Familie in Göttingen. Seine Kinder haben die Pubertät hinter sich. Und er auch. Glaubt er...

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