Krankheit und Sucht

„Am liebsten wäre ich tot!“ Suizidabsichten ernst nehmen

„Am liebsten wäre ich tot!“ Suizidabsichten ernst nehmen Foto: © Jürgen Fälchle - Fotolia.com „Am liebsten wäre ich tot!“ Suizidabsichten ernst nehmen

„Am liebsten wäre ich tot“, weinend läuft die 16-jährige Sarah aus dem Zimmer. Grund für den schlimmen Satz, der nun im Raum steht und die Eltern des Mädchens zutiefst entsetzt hat, war eine vorangegangene Auseinandersetzung.

Dabei ging es eigentlich nur um mehr Mithilfe im Haushalt. Ein Wort gab das andere. Vorwürfe, Androhung von Strafe und dann diese Reaktion. Die meisten Menschen haben im Zorn oder in der Trauer wohl schon einmal Dinge gesagt, die sie keinesfalls so meinen. Dennoch, sagt Dr. Rüdiger Holzbach, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, müsse man solche Aussagen immer ernst nehmen. Vor allem sei es wichtig, zu beobachten, ob das Kind, bzw. der Jugendliche sich auch sonst verändert habe.

Echte Depression

Wenn solche Sätze öfter fielen, wenn das Kind sein Verhalten ändere, seine sozialen Interessen immer mehr eingeschränkt seien und auch der Kontakt zu Gleichaltrigen immer weniger werde, sollte das die Eltern sensibilisieren. Häufig stecke auch eine echte Depression dahinter: „Die Zeit der Pubertät ist auch eine Zeit der Lebenskrise. Das kindliche Selbstverständnis wandelt sich zum jugendlichen, zum erwachsenen Weltbild. Der junge Mensche muss für sich einen Platz in der Welt finden, sich im Freundeskreis und in der Familie neu definieren. Das ist nicht immer leicht und kann in der Folge sogar eine Depression auslösen.“

Weitere Informationen
Wer sich akut große Sorgen um sein Kind macht sollte sofort handeln. In den Kinder- und Jugendpsychiatrien gibt es Notfalltelefonnummern unter denen rund um die Uhr Ärzte zu sprechen sind. Die Experten können die Situation zumeist etwas besser einschätzen und raten bei einem bestehenden Suizidverdacht auch zu einer sofortigen stationären Aufnahme. Das klingt erst einmal schlimm, ist im Zweifelsfall jedoch die Möglichkeit Zeit zu gewinnen und sein Kind in Sicherheit zu wissen. Über die weiteren Hilfsmöglichkeiten und Therapien werden die Ärzte dann gemeinsam mit den Eltern und dem Jugendlichen beraten.

Fühlt man sich selbst nicht in der Lage sein Kind in die Klinik zu bringen oder weigert sich das Kind mitzukommen, dann stehen einem die Notärzte zur Seite. Die bundesweite Nummer ist 112. Und auch wenn es eine große Überwindung darstellt, dort in dieser Situation anzurufen, ist es oft die richtige Entscheidung. Das Bauchgefühl der Eltern gibt in einer solchen Extremsituation meist den richtigen Impuls.

Signale für eine Suizidgefährdung

  • Abkapseln von Freunden/Familie
  • Starke Veränderungen von Ess- und Schlafgewohnheiten
  • Depression/psychische Belastungen
  • Große Hoffnungslosigkeit
  • Äußerungen wie „Ich kann nicht mehr.“, „Mein Leben macht keinen Sinn.“
  • Kein Interesse mehr an Freizeitaktivitäten/Hobbys
  • Verschenken persönlicher wertvoller Sachen
  • Selbstgefährdender Lebensstil
Internetportal für Suizidgefärdete Jugendliche / Anonyme Onlineberatung / Infos für Angehörige
www.u25-deutschland.de/

Downloads mit Aufklärungsflyer
www.u25-deutschland.de/downloads.htm

Beratungsstellen der Jugendämter, Erziehungsberatungsstellen und Ehe-, Familien-, Lebensberatungsstellen in den Gemeinden.

Sozialpsychiatrische Dienste der Gemeinden

Telefonseelsorgestellen, bundeseinheitliche Telefonnummer: 0800-1110111 oder 0800-1110222

Suizidgefahr / Selbstmord von Kindern und Jugendlichen

Neben negativen Erfahrungen, wie Mobbing, Verlust eines Freundes / einer Freundin, schulischer Druck usw. spielen Depressionen, bzw. depressive Verstimmungen tatsächlich eine große Rolle bei der Suizidgefährdung von Kindern und Jugendlichen. Neben Erfahrungen von Gewalt und Missbrauch in der Familie. Die Tatsache, dass die Selbsttötung nach dem Tod im Straßenverkehr bei jungen Menschen die zweithäufigste, nicht natürliche Todesursache darstellt, belegt, dass man dieses Thema sehr ernst nehmen muss. Die erschreckende Statistik: Allein in Deutschland sterben täglich drei Kinder oder Jugendliche durch Suizid.

Die Zahl der Suizidversuche, die nicht tödlich enden, lassen sich nur schätzen. Experten halten die Zahl dieser Fälle für mindestens zehnmal so hoch.

Auffällig ist, dass Mädchen sich dreimal häufiger das Leben nehmen, als Jungen. Im Gegensatz dazu führen laut Statistik jedoch Selbstmordversuche bei Jungen dreimal häufiger zum Tode. Das liegt daran, dass männliche Jugendliche zumeist so genannte „harte Suizidmethoden“ anwenden. Wie beispielsweise Erhängen oder den Sprung aus großer Höhe, bzw. vor einen Zug. Bei jungen Frauen und Mädchen sind es eher die Selbstvergiftung mit Tabletten oder die Verletzung der Pulsadern. 

Die meisten Suizide kündigen sich an, weiß Dr. Holzbach. Neben den bereits erwähnten Verhaltensauffälligkeiten gäbe es weitere Signale. Zum Beispiel das plötzliche Verschenken von geliebten Dingen. Doch, so weiß der Experte, seien auch spontane Suizide möglich. Sie seien allerdings eher selten und meist eine raptusartige (plötzlich erregte) Reaktion auf eine heftige seelische Erschütterung, bzw. große Enttäuschung.

Anzeichen einer Suizidgefährdung beachten

Für viele Jugendliche sei auch der Konsum von Suchtmitteln eine Möglichkeit, mit ihren depressiven Verstimmungen klarzukommen, weiß Rüdiger Holzbach. Ein Teufelskreis. Das anfängliche Gefühl der Verbesserung lande schnell in der Sackgasse. Entzugserscheinungen, Beschaffungsprobleme, der Wegfall von Bindungen, all das führe schnell in die gefährliche Richtung. Nach dem Motto „Wenn’s mir so schlecht geht, ist sowieso schon alles egal“ würden Drogen an diesem Punkt mitunter im Sinn eines „Russisch Roulette“ konsumiert. Rüdiger Holzbach: „So kommt es mitunter zu versehentlichen Überdosierungen“. Sein Rat an alle Eltern und Bezugspersonen: „Wer Anzeichen einer Suizidgefährdung bei einem jungen Menschen wahrnimmt, sollte unbedingt das Gespräch zu dem Betroffenen suchen. Parallel dazu ist es ratsam, sich professionelle Hilfe bei entsprechenden Beratungsstellen, bzw. einem Kinder- und Jugendpsychologen zu holen.“

Letzte Änderung amDienstag, 23 September 2014 12:23
Helga Wissing

Helga Wissing ist freie Journalistin und lebt mit ihren zwei Töchtern in einer Kleinstadt in Nordrhein Westfalen. Mit einer 16-Jährigen unter einem Dach weiß sie genau, wovon sie schreibt. Wechseljahre und Pubertät prallen aufeinander. Ihr Tipp: Ruhe bewahren und trotzdem lieb haben.

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