Problematische Verhaltensweisen

Rauschtrinken bei Jugendlichen

Komasufen bei Jungendlichen Foto: © mma23 - Fotolia.com Komasufen bei Jungendlichen

Komasaufen bei Jugendlichen erfreut sich einer zweifelhaften Beliebtheit. Aber wie gefährlich ist das sogenannte Rauschtrinken oder auch Binge-Drinking genannt, bei Jugendlichen wirklich? Und was können Eltern tun, wenn sie merken, dass ihr Kind betroffen ist?

Jugend im Rausch

Zuerst die gute Nachricht: Junge Leute in Deutschland trinken immer weniger Alkohol. Auch das Rauschtrinken, im Volksmund als Komasaufen bezeichnet, bei Jugendlichen, geht zurück. Gut 15 Prozent der Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren tranken sich im Jahr 2011 einen Rausch an, 2004 waren es über 22 Prozent gewesen. Bei den 18- bis 25-Jährigen zeigt die Kurve hingegen nur leicht nach unten: Knapp 42 Prozent gegenüber 43,5 Prozent „gaben sich die Kante“.

Jungen saufen mehr

Allerdings gibt es deutliche Geschlechtsunterschiede. Wie allgemein beim Drogenkonsum liegen auch hier die Jungen klar vorn: Mit knapp 20 Prozent liegen die männlichen Jugendlichen im Komasaufen vor den Mädchen. Bei den weiblichen Jugendlichen sind es nur gut 10 Prozent, die dem Rauschtrinken verfallen. Konsequenzen, wie zum Beispiel besondere Präventionsangebote oder „Aussteigerprogramme“ für Jungen, werden jedoch nicht gezogen.

Betroffen sind beileibe nicht nur Kinder sozial schlecht gestellter Eltern, im Gegenteil: Wer wenig Geld hat, kann auch weniger für Alkohol ausgeben, so eine repräsentative Stichprobe von 2012. Auch die Bildung hat kaum Einfluss auf das Trinkverhalten. Azubis liegen zwar mit knapp 45 Prozent beim Rauschtrinken vorn, Studenten und Berufsschüler liegen jedoch mit 42 Prozent fast gleich auf, und die Gymnasiasten folgen mit beachtlichen 40 Prozent.

Und jetzt die schlechte Nachricht: Die Zahl der Krankenhauseinweisungen wegen Alkoholvergiftung steigt. Und hier holen die Mädchen laut Bericht der Drogenbeauftragten mächtig auf. Über 26.000 Jugendliche wurden 2011 mit einer Alkoholvergiftung eingeliefert, davon waren gut 10.000 weiblichen Geschlechts. Insbesondere in der Gruppe der Unter-15-Jährigen war der Anstieg rasant, es waren 3,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Auffällig ist die Stadt-Land-Verteilung: Das Saarland und Bayern liegen mit weit über 400 Einweisungen, aufgrund von Alkoholvergiftung,  pro 100.000 Einwohner vorn, Berlin steht mit 130 am Ende der Skala. Im Osten Deutschlands sind die Zahlen durchweg etwas höher als im Westen.

Weitere Informationen

Sehr ausführliche Bericht der Drogenbeauftragten der Bundesregierung 2013 (PDF):
drogenbeauftragte.de/fileadmin/dateien-dba

Beratungsstellen vor Ort:
www.kenn-dein-limit.de/alkohol-beratung/beratungsstellen

Komasaufen ist kein Massenphänomen

Deutlich wird an diesen Zahlen: Komasaufen bei Jugendlichen ist kein Massenphänomen, die jungen Leute trinken weniger als noch vor zehn Jahren. Allerdings öffnet sich die Schere zur kleinen Gruppe der exzessiv Trinkenden stärker, und auch Mädchen holen auf.

Aber was können Eltern tun, wenn sie merken, dass ihr Kind immer häufiger Alkohol trinkt und lallend nach Hause kommt? Auf alle Fälle frühzeitig eine Beratung aufsuchen, sagen Experten. Denn wenn die Beziehung zu den Kindern bereits verloren ist, wird es sehr schwer, sie wieder aufzubauen. Daher sollten Eltern Beratung suchen, wenn sie merken, dass ihr Einfluss in dieser Hinsicht schwindet.

„Nein-Sagen“ lernen

Viele Kinder, so der Suchttherapeut Bernhard Weil aus Herford, greifen unter Stress zur Flasche. Wenn die Anforderungen in der Schule oder der Lehre permanent hoch sind oder steigen, ist der Alkohol eine relativ einfache und zugängliche Art sich abzureagieren oder zu entspannen. Wenn unter schlechten Noten auch noch das Selbstbewusstsein leidet, wird es besonders schlimm kritisch. Eltern sollten, so der Experte,  daher mit Verständnis für die Notsignale der Kinder reagieren, aber mit Bestimmtheit Grenzen aufzeigen und die gesetzliche Lage zu erklären.

Manchmal helfen auch Beschreibungen oder die Reflektion von als peinlich empfundenen Alkoholerfahrungen, sagt Weil. Dazu gehören zum Beispiel das Aufwachen nach einer Alkoholvergiftung in der Kinderklinik mit Windel um den „Popo“, Lallen und Torkeln im Alkoholrausch, Filmriss – sich an nichts erinnern zu können, oder sich „nackig“ gemacht zu haben – insbesondere, wenn die Bilder im Internet zu sehen sind. Manche Jugendliche spüren auch erst in einem nachfolgenden Gespräch, wie sie sich und andere mit riskantem Verhalten im Alkoholrausch geschädigt haben bzw. dem nur knapp entkommen sind. Da sind vor allem Sachbeschädigungen zu nennen, der (drohende) Verlust des Führerscheins oder weiterer Drogenkonsum. Besonders peinlich ist es den meisten, in ihren eigenen vollgekotzten Klamotten aufzuwachen oder ihr Zimmer entsprechend vorzufinden.

Wichtig sei es, binge-drinkingnicht herunterzuspielen. Damit mache man sich zum Komplizen der Droge, meint Weil. Regeln für das Trinken sollten besprochen werden, auch das „Vorglühen“ vor der Party gehöre dazu. Und nicht zuletzt sollten Eltern ihre Kinder darin bestärken, auch einmal „nein“ zu sagen, wenn die Flasche kreist.

Letzte Änderung amMontag, 21 Juli 2014 16:27
Ralf Ruhl

Ralf Ruhl arbeitet als selbstständiger Journalist und Redakteur. Er lebt mit seiner Familie in Göttingen. Seine Kinder haben die Pubertät hinter sich. Und er auch. Glaubt er...

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