Pädagogen

Mit Erziehungsberechtigten „richtig“ umgehen

Pädagogen - Mit Eltern richtig umgehen @contrastwerkstatt-fotolia.com Pädagogen - Mit Eltern richtig umgehen

Ob Lehrer, Sporttrainerin oder Jugendleiter: Als Pädagoge hat man nicht nur mit den Jugendlichen zu tun, sondern auch mit ihren Erziehungsberechtigten. Das sorgt besonders im schulischen Bereich auch für Zündstoff. Wie eine professionelle Elternarbeit aussehen sollte, hat schon einige Experten beschäftigt, die auch aus eigener Erfahrung berichten können.

Das mitunter erschwerte Miteinander sorgt für Schlagzeilen in Medienberichten: Von „Großkampfstimmung“ zwischen Eltern und Lehrern ist da die Rede, vom „Kampfplatz Schule“. Die achtlosen Lehrer auf der einen Seite, Eltern als Erziehungsversager auf der anderen, so die häufig gegenseitige Wahrnehmung.

Heidemarie Brosche, Lehrerin und Mutter in einer Person, kennt beide Perspektiven. Für die „ZEIT“ berichtet sie von den zwiespältigen Erfahrungen: Es sei einfacher, die anderen blöd zu finden als sich einzufühlen. Kündigt sie etwa selbst bei einem Schüler an, mit dessen Eltern sprechen zu wollen, so möchte sie „weder das Kind noch die Eltern niedermachen“. Empfängt jedoch das eigene Kind sie mit den Worten „Meine Lehrerin will mit dir reden“, spürt Brosche, wie sich die andere Rolle anfühlt: „Und siehe da, flugs stellen sich mir die Nackenhaare auf. Was will denn die von mir?“ Als Autorin des Buches „Warum Lehrer gar nicht so blöd sind - und was kluge Eltern tun können, wenn die Verständigung nicht klappt“ (Kösel 2010) plädiert sie für Verständnis auf beiden Seiten.

Es geht um das Kind, nicht um Punktsiege

Speziell den Lehrern rät Brosche, den eigenen pädagogischen Überzeugungen treu zu bleiben und sich trotzdem zu bemühen, auch die Perspektive der Eltern zu verstehen – genauso wie Eltern auch die Perspektive der Lehrer verstehen sollten. Beide Seiten sollten kein fehlerfreies Verhalten der jeweils anderen erwarten und nicht „automatisch auf Abwehr gehen“. Vielmehr gilt es das Gespräch zu suchen, wenn ein Problem auftaucht. Und sich vor allem den Sinn der Sache zu vergegenwärtigen: „Im Gespräch machen Sie sich klar, worum es geht: nicht um einen Sieg nach Punkten, sondern um das Beste für das Kind“, lautet ein weiterer Tipp der Autorin.

Die andere Perspektive einnehmen

Die Lösung, die hilft Fronten zu entschärfen, liegt demnach im Perspektivenwechsel. Sich als Pädagoge etwa zu fragen, wie man sich selbst an Stelle dieser Eltern verhalten würde. Dabei auch die Eigenheiten des Kindes sehen, die womöglich andere Hintergründe haben, als es scheint: So kann ein vermeintlich „schlampiges“ Kind sich bei einer Hausaufgabe sehr bemüht haben, was allein die Mutter mitbekommen hat. Eltern wiederum könnten sich beispielsweise fragen: Wie gut könnte ich selbst als Lehrer oder Lehrerin von vielen Schülern wahrnehmen, wie sehr sich ein einzelner bemüht? Elterngespräche können helfen, solch ein gegenseitiges Verständnis herzustellen. Für die Seite der Pädagogen bedeutet dies: Sich bemühen, die Sorgen und Gedanken der Eltern wirklich zu verstehen und vielleicht auch einmal eigene Problematiken offenbaren, die der Lehreralltag so mit sich bringt.

Sich mit Wertschätzung begegnen

Natürlich klingt dies einfacher, als es ist. In den vergleichsweise kurzen Gesprächen lassen sich kaum komplette Familiensituationen erfassen; jeder bringt seine Prägungen und Befindlichkeiten mit in das Gespräch, Eltern etwa auch negative Erfahrungen aus ihrer eigenen Kindheit, oft aus Zeiten also, in denen Schule noch strenger war. Doch hier geht es Heidemarie Brosche nicht um Perfektionismus: Es kommt nicht darauf an alles zu verstehen, sondern sich bewusst zu machen, dass der andere vieles nicht wissen kann. So könnten sich Lehrer auch Gedanken darüber machen, wie die Eltern ihr Verhalten (fehl-)interpretieren könnten, etwa eine bestimmte Äußerung zur Leistung des Kindes. „Wenn wir nicht von vornherein das Negative unterstellen, uns mit Wertschätzung begegnen, können wir auch lösungsorientierter miteinander reden.“ Diese Mühe sollten weder Eltern noch Lehrer scheuen, weil am Ende alle davon profitierten.

Elternarbeit: Ein Leitfaden

Praxisnahe Hilfestellung gibt zum Beispiel die Publikation„Qualitätsmerkmale Schulischer Elternarbeit– Ein Kompass für die partnerschaftliche Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus.“ Die im April 2013 veröffentlichte Schrift wurde von der Vodafone-Stiftungzusammen mitWissenschaftlern, Bildungspolitikern und Praktikern – insbesondere also Lehrern – erarbeitet. Sie gibt Empfehlungen, wie gute Elternarbeit funktionieren kann. Sie benennt zentrale Qualitätsmerkmale und daraus ableitbare Zielsetzungen, beschreibt geeignete Maßnahmen zur Realisierung und führt jeweils konkrete Praxisbeispiele an. Zentrale Aspekte sind dabei „Bessere Kommunikation“, „Teilhabe der Eltern“ und „Willkommenskultur“.

- Link zum Download unter www.vodafone-stiftung.de > Ideen fördern > Eltern unterstützen

Was sollten Pädagogen an Eltern berichten?

Besonders bei heiklen Themen nehmen Pädagogen eine Vermittlerrolle ein, die mit viel Vertrauen verbunden ist: In der Pubertät werden die wohl meisten Jugendlichen „wortkarg“ den Eltern gegenüber und erzählen zuhause nicht mehr viel. In der Jugendgruppe, beim Sport oder anderen betreuten Aktivitäten sieht es anders aus. Jugendleiter haben oftmals eher einen Draht zu den Heranwachsenden und bekommen auch zufällig das eine oder andere mit – sei es ein Diebstahl, Rauchen, Drogenmissbrauch oder dass Minderjährige sich mit PC-Spielen beschäftigen, die erst ab 18 Jahren freigegeben sind. Was aber darf oder sollte ein Pädagoge an die Eltern weitergeben?

Mit solchen Situationen wird auch Ulrike Campe häufiger konfrontiert. Als sozialpädagogische Familienhelferin trägt sie zu Lösungen bei. „Oft ist den Jugendlichen bewusst, dass sie einen Fehler begangen haben und sie wissen nur nicht, wie sie nun damit umgehen sollen.“ Sie vertrauen es der Pädagogin dann an mit Worten wie: Mir ist da etwas Blödes passiert, was mache ich nun? „Besonders wenn es um Straftaten geht, sind es Informationen, die man an die Eltern weitergeben muss. In solchen Fällen sage ich zum Beispiel: Eigentlich müsste ich das jetzt deinen Eltern sagen. Es wäre aber besser, wenn Du es selbst schaffen würdest, diesen Schritt zu tun.“ Dazu räumt sie den Jugendlichen etwas Bedenkzeit ein, nach deren Ablauf sie es selbst ansprechen würde. Doch auch dann ist es nach Einschätzung der Pädagogin wichtig, die Jugendlichen einzubeziehen und Lösungen anzubieten: Morgen habe ich einen Termin bei den Eltern. Möchtest Du dabei sein oder soll ich erst einmal alleine mit ihnen reden? „Grundsätzlich ist Ehrlichkeit bei der Elternarbeit wichtig. Das bedeutet auch, dass man vertrauensvoll umgeht mit dem, was einem die Jugendlichen erzählen und offen anspricht, welche Möglichkeiten und Konsequenzen es gibt.“

Letzte Änderung amFreitag, 08 Januar 2016 12:52
Christine Lendt

Christine Lendt arbeitet als Journalistin und Buchautorin in Hamburg. Wenn sie ihre Reiseführer und Erlebnisbücher verfasst, hat sie das im Blick, was Familien besonders viel Spaß macht. Auch zahlreiche Fachartikel entstammen ihrer Tastatur, unter anderem zum Themenfeld Schule, Ausbildung und Studium. Bild: Simone Friese

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