Pädagogen

Macht Schule krank? Plädoyer für eine Pädagogik des Herzens

Macht Schule krank? Foto: godluz-fotolia.com Macht Schule krank?

Im Moment werden die Medien und die öffentliche Diskussion vollkommen von den Mega-Themen „Terrorgefahr“ und „Flüchtlingskrise“ beherrscht. Dadurch wird ein anderes gesellschaftliches Dauerthema überdeckt, das viele Eltern und ihre Kinder betrifft, beeinflusst und stresst: die Bildungs- und Schulpolitik, die in Deutschland noch immer Sache der einzelnen Bundesländer ist.

Fragwürdige Bildungsreformen

Bereits seit dem Pisa-Schock von 2001 ist die deutsche Bildungslandschaft kräftig in Bewegung geraten. Da der Bildungsvergleich der OECD damals ergab, dass Deutschland in Naturwissenschaften und in Mathematik nur mittelmäßig abschneide, wurden im Bildungsbereich umfangreiche Reformen „von oben her“ in Gang gesetzt: von den Kultusministerien. Dabei spielte der Einfluss von Wirtschaftskreisen, Bildungsinstituten, tatsächlichen und vor allem selbsternannten Bildungsexperten, sowie reißerischen Bildungsjournalisten eine entscheidende Rolle. Nicht gefragt wurden die wirklichen Experten für Pädagogik, Erziehung und Bildung: die Lehrer. Auch nicht gefragt wurden die Schüler, die eigentlich Betroffenen jeder Bildungsreform.

Als Lehrer bekommt man seither den Eindruck, dass schon beinahe jede Woche eine neue „bildungspolitische Sau durchs Schuldorf“ getrieben wird. Ein richtiger Bildungs-Hype ist entstanden, Schule und Bildung sind zu einem gesellschaftlichen Dauerbrenner geworden. Immer wieder wird verkündet, dass von dieser oder von jener Maßnahme „die“ Lösung für die angeblich existierende Bildungsmisere in Deutschland zu erwarten sei. Muss man sich jedoch nach einigen Monaten oder wenigen Jahren eingestehen, dass diese Maßnahme doch nicht entscheidende Fortschritte oder Lösungen gebracht hat, beginnt die Suche wieder von vorne – immer auf dem Rücken von Lehrern und Schülern ausgetragen.

Dabei hat der Neuseeländer Bildungsforscher John Hattie in seiner berühmten Mega-Studie „Visible Learning“ (zu Deutsch etwa: Lernen sichtbar machen) festgestellt, dass der Bildungserfolg der Schüler weder von einzelnen Unterrichtsmethoden wie etwa dem computergestützten Unterricht noch von der Schulstruktur wie dem G8- oder G9-Gmynasium wesentlich abhängig ist. Entscheidend für einen guten und effizienten Fachunterricht sind vielmehr Faktoren wie die „Lehrer-Schüler-Beziehung“ oder die „Klarheit der Lehrperson“. Wieso wird John Hattie von deutschen Bildungspolitikern und Lehrplanmachern noch immer so wenig beachtet und ernst genommen?

Auf den Lehrer kommt es an

Um der stets neuesten digitalen Reform von Unterrichtsmitteln oder „moderner“ Unterrichtsmethoden willen werden die wahren Bedürfnisse der Schüler immer mehr vergessen oder ganz übersehen. Schüler sind jedoch keine Lernmaschinen, Schulen dürfen nicht auf Kosten von Lehrern und Schülern von Bildungsinstituten und Kultusbehörden zu bloßen Versuchslaboratorien etwa im Bereich der Bildungsinhalte, der Schulstruktur oder der an Modellen der Wirtschaft orientierten Schulverwaltung missbraucht werden.

  • Vielmehr wünschen sich die Schüler gerade im Lehrer auch in Zukunft einen „Menschen aus Fleisch und Blut“, mit Herz und Verstand,
  • der ihnen neben der Wissensvermittlung Orientierung und Halt gibt – auf ihrem Weg durch die Pubertät und hin zum Erwachsensein;
  • der ihnen notwendige Grenzen setzt, wenn sie über das Ziel hinausschießen;
  • der Mitgefühl zeigt, wenn sie Probleme haben – etwa weil sich die Eltern gerade trennen oder weil sich ein schulischer Misserfolg eingestellt hat;
  • der sie – einem Magier gleich – immer wieder durch seine Fächer, Themen und Projekte begeistern und aufbauen kann;
  • der empathiefähig ist, einen guten Draht zu ihnen hat und der ihnen in unserer schnelllebigen Zeit ein Anker ist, an dem sie sich immer festhalten können.
  • der ihre spirituelle Wesensseite, das heißt ihre grundsätzliche Offenheit für das Göttliche und Magische, erkennt, anrührt und fördert und zum klingen bringt. 

In manchen Bundesländern wurde wahlweise wieder das G-9-Gymnasium eingeführt. Denn man hat erkannt, dass das sogenannte G-8-Turbo-Gymnasium viele Kinder und Jugendliche zu sehr stresst. Sie haben im heutigen Schulsystem zu wenig Bewegung, zu wenig Zeit für eine musische oder soziale Betätigung und zu wenig Raum für ihre Persönlichkeitsentwicklung insgesamt. Manche Kinder macht dieses System daher auch krank, weil das Emotionale, das Intuitive und das Magische viel zu kurz kommt.  

Die Schule muss den ganzen Menschen bilden

Unseren Schülern wird zudem viel kognitives Wissen eingetrichtert, ihre Herzensbildung wird in diesem ganzen Getöse des modernen Schulsystems immer mehr übersehen. Offensichtlich will man fast um jeden Preis die Zahl der Abiturienten in möglichst kurzer Zeit steigern, um den Wirtschaftsstandort Deutschland auch in Zukunft zu sichern und global wettbewerbsfähig zu halten. Dagegen ist zumindest grundsätzlich nichts einzuwenden.

Wenn dieses Vorhaben aber auf Kosten der Entwicklung von Herz, Charakter, Wertebildung und Sozialkompetenz der Schüler geht, wenn auf Drängen von Wirtschaftskreisen nur mehr eine wirtschaftliche, naturwissenschaftliche und informationstechnische Ausrichtung der Schulen im Vordergrund steht, dann tut sich unsere Bildungsgesellschaft selbst einen Bärendienst. Der ganze Mensch muss angesprochen werden – auch im dritten Jahrtausend. Das sollten uns Verantwortlichen – uns Eltern, Lehrern und Politikern – doch unsere Kinder wert sein. Sie sind unser bestes menschliches Potential und unsere menschliche Zukunft!  

Bücher des Autors:

„Schule – Quo Vadis? Plädoyer für eine Pädagogik des Herzens“. ISBN: 978-3-95645-659-6      

 

 

„Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft. Band I: Übergangsrituale“ ISBN: 978-3-86991-404-6

 

„Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft. Band II: Heldenreisen“ ISBN: 978-3-86991-409-1

 

Nähere Infos und Buch-Bezug: www.initiation-erwachsenwerden.de

Pädagogik des Herzens – drei Prinzipien

Die Schüler brauchen einen menschlichen Ort, wo sie Wärme erfahren, Anerkennung bekommen und wo auch ihre magische und spielerische Seite berührt werden kann. Dieser Lernort wird aber entscheidend durch den Lehrer beeinflusst und gestaltet. Die Lehrerpersönlichkeit ist oft der einzige verbliebene „Ort“, die einzige Instanz, die in der Schule von heute noch menschlich geblieben ist. Dieser Lernort muss auch in Zukunft „analog“ bleiben, selbst wenn viele Arbeitsmittel und Unterrichtsmethoden „digital“ sein werden. Daher möchte ich zum Schluss drei Prinzipien erläutern, die meiner Erfahrung nach wichtig für eine gute Lernatmosphäre und für eine Herzens-Pädagogik sind.

Prinzip 1: Liebe zu den Menschen – Liebe zu den Schülern

Wenn man als Lehrer seine Schüler nicht grundsätzlich liebt, sollte man diesen herausfordernden, anstrengenden, aber attraktiven und lebendigen Beruf sein lassen. Die Schüler haben es verdient, einen Menschen vor sich zu haben, der sie bei ihrer Entwicklung und Persönlichkeitsreifung wohlwollend unterstützt, sie annimmt, wie sie sind, sie wertschätzt und sie ermutigt, ihren Weg zu gehen. Dies setzt aber einen Lehrer voraus, der in seiner Persönlichkeit selbst gereift ist und seine Liebesfähigkeit entwickelt hat.

Prinzip 2: Erziehung durch Beziehung

Der Lehrer muss die Klasse leiten und führen, den Schülern Orientierung geben, ihnen Wissen vermitteln, ihnen aber auch notwendige Grenzen setzen, wenn sie über das Ziel hinausschießen. Fühlen sich Schüler vom Lehrer gesehen, beachtet, wertgeschätzt, anerkannt und geliebt, dann sind sie in den meisten Fällen bereit, auch schwierige fachliche Themen zu meistern. Dann sind sie motiviert, sich für die Schule einzusetzen und zu engagieren. Eine gelungene Beziehung zwischen Lehrer und Schülern kann Berge versetzen, Begeisterung erzeugen und eine gute Arbeitsatmosphäre schaffen. Wenn moderne Bildungsreformen diese wichtige Ebene der Lehrer-Schüler-Beziehung übersehen oder als gering erachten, müssen sie scheitern!

Prinzip 3: Fördern und maßvoll fordern

Kinder und Jugendliche wollen herausgefordert werden – fachlich, aber auch menschlich. Sie wollen sich engagieren für gesellschaftliche Themen, fachliches Wissen und soziale Fragen. Dazu müssen wir Lehrer und die Schulen ihnen die Gelegenheit bieten, sich zu bewähren: Etwa in der Projektarbeit in Kleingruppen, in der Lösung kniffliger fachlicher Fragen, die dann öffentlich präsentiert werden oder in sozialen Aufgaben wie etwa in der Arbeit als Tutor, der jüngeren Schülern hilft. Auch das Engagement in einem Arbeitskreis, der sich für junge Flüchtlinge einsetzt, kann solch ein soziales Aufgabenfeld sein. Entscheidend ist dann immer, dass Schüler für ihre Arbeit gelobt, anerkannt und gewürdigt werden.

Fazit: Verwandlung statt Veränderung

Bildung und Schule sollen – neben der fachlichen Wissensvermittlung – die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen stets in den Mittelpunkt jeder Reformtätigkeit stellen und im Blick behalten. Denn nur dann ist sicher gestellt, dass eine Reform organisch ist und mit der Entwicklung der Kinder in natürlicher und gesunder Weise korrespondiert. Jugendliche erfahren in der Pubertät und in ihrem langjährigen Prozess der Initiation, also ihres Erwachsenwerdens, eine permanente Verwandlung. Eine Bildungsreform, die von oben kommt, läuft hingegen Gefahr, eine zu abrupte und nur „hirnige“ Veränderung von Bildungsinhalten, Unterrichtsmethoden und Schulstruktur zu verlangen, die kontraproduktiv zur natürlichen Entwicklung und Verwandlung der Schüler steht. Wonach sollte sich also eine Bildungsreform orientieren? Immer an den Bedürfnissen der Schüler und immer aus dem Herzen heraus!

Letzte Änderung amDienstag, 26 Januar 2016 10:46
Peter Maier

Peter Maier wurde 1954 in einer kleinen Gemeinde in Ostbayern geboren. Er besuchte das Gymnasium, absolvierte die Bundeswehr als Sanitäter und studierte anschließend das Lehramt für Gymnasien.

Vor Beginn des Referendariats unterrichtete er 1981 für ein halbes Jahr an einer Secondary School in Kenia. Seit Herbst 1981 ist er als Lehrer an Gymnasien in Bayern tätig. Er hat einen erwachsenen Sohn.

Neben dem Staatsexamen hat der Autor mehrere Zusatzausbildungen abgeschlossen:

  • - zum Gruppenleiter in Themenzentrierter Interaktion (TZI) nach Ruth Cohn
  • - zum Supervisor an einem Institut, das nach dem Standard der DGSV ausbildet
  • - zum Initiations-Mentor in der Tradition der amerikanischen „School of lost Borders“.

Langjährige Fortbildungen in integrativer Pädagogik, Gruppendynamik, initiatischer Therapie und christlicher Kontemplation. Selbsterfahrung mit Visionssuchen, Familienaufstellungen und in der Männer- und Ritualarbeit. 

Seit 2008 führt der Autor mit Jugendlichen alljährlich das naturpädagogische Initiations-Ritual des WalkAway durch. Er möchte Begleiter für Jugendliche bei ihrer Persönlichkeitsentwicklung und auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden sein.

Durch seine Bücher über Initiation und Pädagogik, durch Vorträge, sowie durch eine Reihe von Artikeln in pädagogischen Fachmagazinen und Zeitschriften möchte der Autor die Essenz seiner langjährigen Erfahrungen als Lehrer und Initiations-Mentor weitergeben. In Zeiten einer beständigen Reform im Schul- und Bildungsbereich plädiert er leidenschaftlich für eine integrative Pädagogik mit Herz und Verstand und für eine menschliche Schule.

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