Was tun, wenn ...?

Hilfe, mein Kind zieht sich zurück

Verschlossenheit: Hilfe, mein Kind zieht sich zurück Foto: © witthaya - Fotolia.com Verschlossenheit: Hilfe, mein Kind zieht sich zurück

In der Pubertät wirken manche Jugendliche sehr verschlossen, ziehen sich zurück. Ist es ein Hilferuf? Und wie sollten Eltern darauf reagieren?

Rückzug allein ist kein Grund zur Sorge

Nur widerwillig kommt Annika aus ihrem Zimmer. Meist verkriecht sich die Fünfzehnjährige auf ihr Bett, baut Kissen und Decken um sich herum, verschließt mit den Kopfhörern die Ohren und hält den Blick gesenkt auf Tablett oder Smart-Phone. Ihre Mutter Irene wirkt schon fast verzweifelt: „Sie sagt gar nichts mehr. Gibt höchstens einsilbige Antworten. Am Wochenende kommt sie bis nachmittags nicht aus ihrem Zimmer.“ Dabei hätten sie doch immer einen guten Kontakt gehabt und sei auch immer sehr hilfsbereit gewesen.

Allein der Rückzug des Jugendlichen ins eigene Zimmer ist noch kein Grund zur Sorge, meint die Psychologin Birgit Klingelhöfer von der Universitätsmedizin Göttingen. Aufgrund der hormonellen Schwankungen während der Pubertät kann es zu impulsiven Gefühlsausbrüchen sowie zu Rückzugsverhalten kommen.

Wie ins Gespräch kommen?

Allerdings ist es nicht leicht, mit den Jugendlichen darüber ins Gespräch zu kommen. Irene hat es mehrfach versucht und sich immer wieder eine mufflige Abfuhr abgeholt. Erst als eine Freundin zu Besuch war, taute Annika ein wenig auf. Als die Mädchen am Tisch über Kleidung und Mode sprachen, hatte sie zugehört und war beruhigt, dass sie sich im außerhäuslichem Kontakt völlig altersentsprechend verhält.

Beratungsstellen in Deiner Nähe findest Du hier:
www.pubertaet.de/index.php/hilfe/beratungsstellen

Gespräche sollte man behutsam angehen lassen, meint Klingelhöfer: „Üblicherweise ist davon auszugehen, dass Druck Gegendruck erzeugt, was in so einer Situation kontraproduktiv ist.“ Außerdem sei der Rückzug auch ein Schutzraum, den die Jugendlichen um sich herum aufbauen. Die Psychologin empfiehlt, sich in die Situation des Kindes zu versetzen: „Da kann man sich einfach fragen, wie würde sich das für mich in dieser Situation anfühlen.“ Annika hatte sich geweigert, zum 80sten Geburtstag ihrer Oma zu fahren. „Große Lust hatte ich auch nicht“, bekennt Irene im Nachhinein. „Aber so etwas gehört doch einfach dazu!“ Jedoch konnte sie nachempfinden , dass viele Erwachsene und Senioren, laute Gespräche über die Verwandtschaft und lange still sitzen müssen sie mit 15 Jahren auch nicht begeistert hätten. „Ich war zwar nicht einverstanden, habe ihre Entscheidung aber akzeptiert.“

Die Atmosphäre verändern

Was aber tun mit einem bockigen Kind, das kaum aus seinem Zimmer heraus kommt? „Irgendwann wird es ja mal zum Kühlschrank wandern“, meint Klingelhöfer. Allerdings sollte man dann nicht mit Vorhaltungen reagieren. „Ein Angebot machen, z.B. wieder mal einen ganzen Tag gemeinsam zu verbringen, weg zu fahren in die nächste Großstadt – das kann helfen, die Atmosphäre zu verändern.“ Irene hat es ausprobiert. Die Hinfahrt im Zug sei schrecklich gewesen, erinnert sie sich. Sie habe nur auf den Hinterkopf und die Ohrhörer ihrer Tochter geschaut. Aber in der Einkaufsmeile seien andere Möglichkeiten für Gespräche gewachsen. Über ausgestellte Kleider, gemeinsames Anprobieren, Erzählen, wie es ihr als Jugendlicher ergangen war. Dann habe Annika gemerkt, dass es ihr ernst sei und sie wirkliches Interesse an ihrer Tochter hat. „Das war Arbeit“, resümiert sie, „aber es hat sich gelohnt.“

Letzte Änderung amDienstag, 23 September 2014 12:33
Ralf Ruhl

Ralf Ruhl arbeitet als selbstständiger Journalist und Redakteur. Er lebt mit seiner Familie in Göttingen. Seine Kinder haben die Pubertät hinter sich. Und er auch. Glaubt er...

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