Kolumne & Fundstücke

Birthe hat ein Piercing

Kolumne: Birthe hat ein Piercing © alco81 - Fotolia.com Kolumne: Birthe hat ein Piercing

„Die Birthe hat ein Piercing und ich will ein Tattoo!“ Mein 15-jähriges Pubertier sitzt breitbeinig am Küchentisch, und trommelt mit den schwarz lackierten Fingernägeln, die hervorragend zu der -- dank Poly Color – fast ebenso schwarzen Mähne passen, ungeduldig auf die Tischplatte. Ungeduldig deshalb, weil ich das liebe Kind gebeten habe, für die kurzen Momente der gemeinsamen Mahlzeit das Handy beiseite zu legen, das seit zwei Jahren so eine Art angewachsenes Körperteil ist.

So wie das künstliche Organ eines Cyborgs. Lebenswichtig und unentbehrlich. So sehr, dass es bereits einmal im Klo gelegen und auf wundersame Weise keine irreparablen Schäden erlitten hat. Aber Handy ist heute nicht das Thema. Das Kind will ein Tattoo. Ich sehe den zarten Rücken meiner Kleinen vor mir, versehen mit dem Abbild eines feuerspeienden Drachen, der seinen Schwanz anmutig um eine Lilie windet. Oder vielleicht das Konterfei ihres Lieblingspromis, Frontsänger einer Band mit unaussprechlichem Namen, für immer verewigt auf ihrem Oberarm.

 „Kommt nicht in Frage“, entfährt es mir lauter als beabsichtigt. „Das ist gemein, du bist so spießig, du erlaubst mir auch gar nichts“ giftet das Kind, das – wie mir scheint --  doch noch vor gar nicht langer Zeit sein süßes Köpfchen mit den engelsblonden Locken an meine Schulter geschmiegt und „Mama ich hab dich so lieb“ in mein Ohr geflüstert hat. „Kinder müssen sich in der Pubertät von den Eltern abgrenzen, ihren eigenen Stil entwickeln und Freiräume haben, das ist unverzichtbar für eine gesunde psychische Entwicklung hat Frau Homann gesagt“, setzt das ehemalige Engelchen noch eins drauf. Frau Homann ist die junge, bei allen Kids beliebte, weil unglaublich lockere, verständnisvolle und vor Idealismus nur so strotzende, neue Englischlehrerin. Die knöpf ich mir beim nächsten Elternabend vor, denke ich und sage laut: „Ausgang am Wochenende bis 23 Uhr, Alkopops in Maßen-Erlaubnis, schwarze Haare, Handy zur freien Verfügung, Glätteisen und ein eigener Fernseher dürften wohl genügend Freiraum sein, wie ich finde.“ „Außerdem kontrolliere ich schon lange nicht mehr, was du so im Internet treibst“, verteidige ich meine großzügige, moderne Grundeinstellung.  „Ein Tattoo“, wiederhole ich, „kommt nicht in Frage.“ „Aber ich will das unbedingt und der Ralf macht das nur, wenn Du unterschreibst, bitte Mama, das wär’ so cool“,  bleibt meine Tochter hartnäckig und verlegt sich auf kindliche Strategie, die manchmal bei mir zieht. Diesmal nicht. Doch wer ist Ralf, bitte sehr? „Mein Tätowierer“, lautet die Antwort. Ich fasse es nicht, mein Kind hat einen T ä t o w i e r e r! Ich weiß, ich weiß, Herr Jesper Juul würde nicht gut heißen, was ich jetzt tue. Aber es gibt Momente im Leben einer Mutter mit einem pubertierenden Kind, da muss sie sich entscheiden. Da helfen keine Diskussionen, da hilft nur eine knallharte autoritäre Ansage. „Nein, eine Tätowierung kommt nicht in Frage, meine Unterschrift kriegst du nicht.“ Noch während sie vom Tisch aufspringt und bevor sie die Tür zu ihrem Zimmer hinter sich zuschlägt, brüllt meine Tochter: „Wenn ich 18 bin, zieh ich aus!“ Leider hört sie meine Antwort nicht mehr: „Dann kannst du dich auch gerne tätowieren lassen!“ Und jetzt muss ich erst mal Birthes Mutter anrufen.

Letzte Änderung amDienstag, 19 August 2014 21:02
Helga Wissing

Helga Wissing ist freie Journalistin und lebt mit ihren zwei Töchtern in einer Kleinstadt in Nordrhein Westfalen. Mit einer 16-Jährigen unter einem Dach weiß sie genau, wovon sie schreibt. Wechseljahre und Pubertät prallen aufeinander. Ihr Tipp: Ruhe bewahren und trotzdem lieb haben.

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