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„YouNow“ – Alles tun für 15 Minuten Ruhm

YouNow - Online Striptease Foto: © Pixinoo - Fotolia.com YouNow - Online Striptease

Einmal Showstar oder Popsternchen sein: Davon träumen vor allem viele Teenager – und der neueste Streaming-Trend „YouNow“ scheint es möglich zu machen. Aber welche Gefahren lauern hinter der Online-Selbstdarstellung? 

 

Live-TV aus den eigenen vier Wänden

Lena hockt im Schneidersitz über ihrem Notebook und jubelt: „Wow – über 100 Zuschauer! Danke Leute, ihr seid die Besten! Dann sag ich erstmal: bis morgen!“ Mit Kussmund in die Webcam beendet die 13-jährige ihren Livestream beim Online-Portal YouNow – als Moderatorin und Hauptdarstellerin in einem. Der Showroom: das Kinderzimmer. Die Requisiten: Ikea-Bett, Kuscheltier und -decke. Von den Eltern häufig unbemerkt, senden Sechst- und Siebtklässler über die Webcam des heimischen Laptops oder per Smartphone-Kamera live in die Weiten des Internet. Was sie senden? Ihre eigene Stream-Show, in der sie der Star sind. Auf YouNow können sich Nutzer filmen und ihre Aufnahmen in Echtzeit und für jeden zugänglich ins Netz übertragen. Die Bedienung ist denkbar einfach und ohne technisches Wissen möglich; für die Anmeldung genügt schon ein Facebook-, Twitter- oder Google-Account. Zuschauer können die Sendungen sogar ohne jede Anmeldung verfolgen und sich per Chatfunktion direkt mit dem „Showmaster“ austauschen. Die jeweils letzte Übertragung eines Nutzers wird gespeichert und kann von Interessierten jederzeit rückwirkend angeschaut werden. Ursprünglich 2011 in den USA als Selbstvermarktungs-Plattform für Künstler ins Leben gerufen, wird YouNow in jüngster Zeit immer stärker von Ottonormal-Jugendlichen genutzt – und das nicht nur in Amerika. Seit Ende 2014 verzeichnet das Portal auch im deutschsprachigen Raum ständigen User-Zuwachs – bei steigenden Nutzerzahlen im zweistelligen Millionenbereich und einer Wachstumsrate von über 250% lässt sich von einem regelrechten Boom sprechen.

 

Nährboden für das jugendliche Geltungsbedürfnis 

Die Themen der eigenen „Shows“ sind meist banal, oft stellen sich die Jugendlichen ihrem Publikum einfach vor oder berichten von ihrem Tag. Das Belohnungsprinzip ist dabei so simpel wie die Inhalte: Beliebtheit, die an Zuschauerzahlen und -reaktionen gemessen wird. Kommt die eigene Sendung gut an, winken neben Einschaltquoten zusätzlich „Empfehlungen“ und virtuelle Grußgeschenke, die das Publikum per Klick verteilt. Je nach Anzahl der Zuschauer und Empfehlungen ergibt sich für die jungen Streamer dann ein Platz in der internen YouNow-Beliebtheitsskala. Neben der verlockenden Jagd nach Klickzahlen und Likes liegt der Kick besonders auf dem direkten Feedback, das man über die Chatkommentare seiner „Fans“ erhält. Auf dem Schulhof oder auf dem Sportplatz wurde Lena noch nie so viel geballte Aufmerksamkeit entgegengebracht – auf YouNow interessieren sich plötzlich 50, ja sogar 100 Leute auf einmal für die Erzählungen und das Aussehen des jungen Teenagers. Und alles viel unmittelbarer als etwa bei YouTube oder Instagram. Doch bei Komplimenten zum Äußeren oder Aufzählungen von Lieblingsfilmen bleibt es oft nicht. Durch ungeahnt rede- und zeigefreudige Jugendliche wird der harmlose Chatstream schnell zur Peep-Show in allen Belangen.

“Abhängen“ mit 100 Fremden – die Gefahren des Online-Striptease

Die Folgen dieser digitalen Freizügigkeit liegen auf der Hand: Einem anonymen Publikum werden im schlimmsten Fall tiefe und intime Einblicke in die Privatsphäre gewährt. Daten- und Jugendschützer schlagen Alarm, wenn wildfremde Zuschauer die jungen Streamer Privates fragen und diese leichtfertig darauf antworten. Nachname, Wohnort und sogar die eigene Handynummer werden oft unbedarft an die vermeintlichen Fans weitergegeben. Viele Nutzer können eindeutig identifiziert werden – und entpuppen sich dabei häufig sogar als Kinder unter 13 Jahren! Das Publikum hingegen bleibt – wie bei einer Theateraufführung – im Dunkeln. Diese Anonymität lädt Mobber, Stalker und Pädophile geradezu ein, sexuelle Anzüglichkeiten oder Beleidigungen in den Chatfeldern zu posten. Kommentare wie „Zieh dich aus“ oder „Zeig mal deine Brüste“ sind da schon eher harmlosere Beispiele. Gepaart mit der erstaunlichen Bereitschaft vieler Teenager, auf entsprechende Aufforderungen einzugehen, ergeben sich akute Gefahren: Auf Anfrage wird dann schon mal live gezeigt, welche Farbe der eigene BH hat, oder zwei beste Freundinnen lassen sich zu einem Zungenkuss bewegen – schließlich will man seine „Fans“ ja nicht enttäuschen. Man kann sich leicht ausmalen, in welche Richtung diese unbekümmerte Offenherzigkeit führen kann. 

5 Tipps zum Umgang mit YouNow

1. YouNow allerfrühestens ab 13 Jahren!
Wie es die YouNow-Entwickler in ihren Nutzerbestimmungen auch angedacht haben, sollte dein Kind MINDESTENS 13 Jahre alt sein, wenn es sich für das Live-Stream-Portal interessiert. Je älter dein Sprössling bei der ersten Nutzung ist, desto besser kann er auch Risiken einschätzen und Fehlverhalten vorbeugen.Grundsätzlich sollte die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen von Anfang an von Eltern begleitet, kommuniziert und kontrolliert werden sowie altersgerecht erfolgen – je nach Altersstufe auch über entsprechende Schutzfilter!

2. Feste Zeiten vereinbaren!
Gerade weil YouNow seinen Showmastern unmittelbare Rückmeldung und Aufmerksamkeit verspricht, kann das Portal schnell zum Zeitschlucker werden. Gib deinem Kind daher klare Zeiten vor, in denen es sich auf dem Portal aufhalten darf.

3. Klare Verhaltensregeln setzen!
Bevor dein Kind das Portal nutzen kann, sollte ihm bewusst sein, dass es nicht seinen richtigen Namen verwenden, generell keine privaten Daten weitergeben und auch nur voll bekleidet streamen sollte. Der Umgang mit anderen Usern sollte immer respektvoll verlaufen, denn schnell ist etwas gesagt, gezeigt und veröffentlicht, was man später bereut.

4. Keine persönlichen Daten herausgeben!
Dieser Hinweis kann nicht deutlich genug betont werden: Dein Kind sollte niemals Daten zur eigenen Person, zur Wohnadresse, zu Kontaktmöglichkeiten wie E-Mail, Handy- und Telefonnummern oder sonstige private Informationen preisgeben – schon gar nicht einem wildfremden Publikum!

5. Bleib informiert und zeige Interesse!
Wenn dein Kind YouNow nutzen möchte, zeige Interesse an den Gründen, die dahinter stecken. Was verspricht sich dein Nachwuchs von dem YouNow-Auftritt? Durch die offene Ansprache des Themas fragt dein Kind im Zweifelsfall auch eher mal nach bei Unsicherheiten. Bleib auf dem Laufenden und erkundige dich über alle Funktionen und Sicherheitseinstellungen des Portals. Etwa in den Privatsphäreoptionen („Privacy“) lässt sich der Wohnort verbergen, falls man diesen doch zuvor angegeben hat (Häkchen setzen bei „Hide My City“). Weiter bietet YouNow auch die Möglichkeit, Nutzer zu melden und zu blockieren. So kann anstößigen und anzüglichen Kommentaren schnell ein Riegel vorgeschoben werden.

Rechtliche Konsequenzen

In eine rechtliche Zwickmühle begeben sich die jungen Filmemacher außerdem, wenn sie das Persönlichkeitsrecht anderer verletzen. Das ist schnell und meist aus Versehen geschehen, wenn Lehrer, Mitschüler oder andere Personen ohne ihr Wissen gefilmt werden. Grundsätzlich muss nämlich jeder vorher um Erlaubnis gefragt werden, bevor Bildmaterial von ihm oder ihr veröffentlicht wird. Bei entsprechenden Fehltritten drohen Abmahnungen oder Klagen. In diesem Zusammenhang sehen sich Streamer auch schnell Urheberrechtsverstößen gegenüber, wenn sie in ihren Videos zum Beispiel geschützte Musik im Hintergrund laufen lassen. 

Medienkompetenz ist gefragt

Die vielen Tücken und Schlupflöcher des Live-Stream-Portals rufen Jugendschützer auf den Plan. Gefordert werden höhere Anmeldungshürden und Kontrollen, etwa durch Altersnachweise und Moderatoren. Die YouNow-Verantwortlichen reagierten überrascht auf die Vorwürfe gegen ihr Portal, kündigten aber an, das deutschsprachige Moderatorenteam weiter zu verstärken, um die Chat- und Streaming-Inhalte besser überwachen zu können. Außerdem wurde klargestellt, dass die Nutzung erst ab einem Alter von 13 Jahren erlaubt sei. Ob die Stellungnahmen konkrete Früchte tragen, bleibt abzuwarten. Abwarten sollten Eltern in keinem Fall. Privatsphäre wird heutzutage von Jugendlichen anders wahrgenommen als noch von früheren Generationen. Seit der Jahrtausendwende wachsen Kinder mit erfolgreichen Casting-Formaten wie „Germany’s Next Topmodel“ und „Deutschland sucht den Superstar“ auf. Die Quotengaranten vermitteln öffentliche Selbstdarstellung quasi in Reinform. Durch die Möglichkeit, Facebook-Likes oder Twitter-Follower wie Trophäen anzuhäufen, ist der jugendliche Geltungsdrang auch im Internet zum Alltag geworden. 

Den Nachwuchs aufklären

Medienexperten raten Eltern daher, den Nachwuchs unaufgeregt über entsprechende Angebote aufzuklären, um vor allem Gefahren besser einschätzen und vorbeugen zu können. Vollständige Verbote würden die Streaming-Portale für Jugendliche nur noch anziehender machen; außerdem sprössen täglich ähnliche Seiten aus dem Boden. Zu einem zurückhaltenden Umgang – und das schließt die Geheimhaltung von Privatdaten wie Telefonnummern, Namen oder Adressen mit ein – sollte daher von Anfang an gemahnt werden. Dazu rufen sogar bei Teenagern beliebte YouTuber wie LeFloid auf – mit den unmissverständlichen Worten, erst den Kopf einzuschalten und dann das Internet.

Weiteres Info-Material zu YouNow und seiner sicheren Nutzung gibt es auf Klicksafe, Schau hin oder Handysektor.

Letzte Änderung amMittwoch, 27 Mai 2015 20:10
Joschka Riedel

Joschka Riedel schreibt als freier Journalist. Über seine eigene Pubertät kann der studierte Geschichts- und Religionswissenschaftler rückblickend nur schmunzeln. Als Mitglied einer Großfamilie hat er es noch immer regelmäßig mit Pubertierenden zu tun.

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